Die Vergessenen: Einblicke in kriteriale Präferenzen und die Gewichtung von mündlichen Schulnoten durch Lehrpersonen
Abstract
Zusammenfassung Die Genese, Bedeutung und Aussagekraft von Schulnoten sind seit vielen Jahrzehnten Gegenstand gesellschaftspolitischer und wissenschaftlicher Debatten. Neben Forschungsarbeiten, die explizit Schulnoten untersuchen, erfüllen diese in zahlreichen Studien auch eine wichtige Funktion als Kontrollvariable. Somit fußt ein nicht unbeträchtlicher Anteil bildungswissenschaftlicher Forschungsarbeiten und Erkenntnisse, wenn nicht explizit, so zumindest partiell, auf Schulnoten und hier vorrangig auf Zeugnisnoten. Auffällig ist, dass zu mündlichen Noten bisher kaum Forschungsarbeiten existieren, obwohl ihnen rechtlich ein substanzielles Gewicht bei der Bildung von Zeugnisnoten eingeräumt wird. Bisher ist daher noch weitgehend unklar, welche Kriterien Lehrkräfte bei der Bildung mündlicher Noten verwenden, ob sich unterschiedliche LehrerInnentypen bei der Wahl dieser Kriterien identifizieren lassen und welche Bedeutung mündliche Noten für Lehrpersonen bei der Bildung von Zeugnisnoten haben. In der vorliegenden Studie werden diese Forschungsfragen auf der Grundlage einer für Deutschland repräsentativen Stichprobe von 762 Lehrpersonen der Sekundarstufe I näher beleuchtet. Die Ergebnisse legen nahe, dass Lehrkräfte insbesondere Qualitätskriterien bei der Bildung mündlicher Noten berücksichtigen, aber auch Aspekte des Arbeits- und Sozialverhaltens relevant sind. In latenten Klassenanalysen ließen sich drei Lehrkraft-Typen identifizieren: Eine Gruppe (All In-Gruppe; 49 %), die nahezu allen Kriterien bei der Leistungsbeurteilung eine hohe Bedeutung zuschrieb, eine zweite Gruppe (Quali-Gruppe; 18 %), die angab, primär Qualitätskriterien mündlicher Leistungen zu berücksichtigen, und eine dritte Gruppe, die neben den Qualitätskriterien auch Kriterien des Arbeits- und Sozialverhaltens (Quali-Plus; 33 %) bei der Bildung mündlicher Noten einbezog, für die aber z. B. die Heftführung und Hausaufgaben weniger wichtig waren als für die All In-Gruppe. Die Bedeutung einer vertieften Berücksichtigung und Untersuchung mündlicher Noten in erziehungswissenschaftlichen Studien wird diskutiert.
Fields of Study & Subjects
Student Assessment and Feedback
Educational Assessment and Improvement
Educational Assessment and Pedagogy
Publication details
- Journal / source
- Zeitschrift für Erziehungswissenschaft
- Volume
- 29
- Issue
- 3
- Pages
- 763–788
- Publication date
- 10 February 2026
- Language
- DE