Zur Testfairness der aussagepsychologischen Begutachtungsmethodik: eine Bayes-statistische Analyse anhand von 2000 Gutachten
Abstract
Zusammenfassung In aussagepsychologischen Begutachtungen wird geprüft, ob einer Aussage ein Erlebnisbezug unterstellt werden kann. Eine Beauftragung erfolgt meist, wenn die aussagende Person Merkmale aufweist, deren Einordnung psychologische Expertise verlangt. Darunter fallen ein junges Alter, eine Intelligenzminderung oder psychische Störungen. Bislang ist jedoch wenig darüber bekannt, ob und wie sich diese Merkmale auf das Begutachtungsergebnis auswirken. Zudem gibt es Kritik, dass die Begutachtungsmethodik bei diesen Personengruppen zu Benachteiligungen führt oder nicht anwendbar sein könnte. Um diese Kritik der mangelnden Testfairness zu untersuchen, wurde in der vorliegenden Studie ein Datensatz von 2005 Gutachten mittels Bayesstatistischer Regressionsanalysen ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass weder demografisch-persönliche noch klinisch-psychologische Merkmale der aussagenden Person einen klaren Zusammenhang mit einem bestimmten Begutachtungsergebnis aufweisen. Die 8 berechneten Regressionsmodelle weisen vielmehr unsichere Effektschätzungen auf, was nahelegt, dass andere Merkmale für das Begutachtungsergebnis bedeutsamer sein müssen. Eine ergänzende korrelative Nachanalyse zwischen kritikrelevanten Merkmalen der aussagenden Person und den Verhinderungsgründen für eine Erlebnisannahme ergab ebenfalls keine Hinweise auf eine (systematische) Benachteiligung bestimmter Personengruppen. Insgesamt sprechen die Befunde für eine ausreichende Testfairness der aussagepsychologischen Begutachtungsmethodik. Eine eingeschränkte Anwendbarkeit der Methodik bei Personen jungen Alters, mit einer Intelligenzminderung oder Symptomen einer psychischen Störung lässt sich nach aktueller Befundlage nicht annehmen.
Fields of Study & Subjects
Medical Practices and Rehabilitation
Workplace Health and Well-being
Retirement
Disability
and Employment
Publication details
- Journal / source
- Forensische Psychiatrie Psychologie Kriminologie
- Volume
- 20
- Issue
- 1
- Pages
- 73–84
- Publication date
- 7 January 2026
- Language
- DE