Psychopharmakotherapie bei schizophrenen Patient:innen im Maßregelvollzug – evidenzbasierte Psychopharmakotherapie zwischen Leitlinien, klinischer Realität und forensischen Spezifika
Abstract
Zusammenfassung Die Behandlung schizophrener Patient:innen im Maßregelvollzug stellt eine der zentralen Herausforderungen an der Schnittstelle von Psychiatrie, Recht und Gesellschaft dar. Evidenzbasierte Psychopharmakotherapie bildet den Kern der Behandlung schizophrener Störungen, doch die Übertragbarkeit internationaler Leitlinien auf die forensisch-psychiatrische Patient:innenpopulation ist eingeschränkt. Eine antipsychotische Therapie hat nicht nur die Funktion, Symptome zu lindern, sondern auch die Gefährlichkeit zu reduzieren. Ziel dieses Artikels ist es, die aktuelle Datenlage zu psychopharmakologischen Behandlungsstrategien bei schizophrenen Patient:innen im Maßregelvollzug darzustellen, empirische Daten aus dem Krankenhaus des Maßregelvollzugs Berlin zu präsentieren und die Ergebnisse im Kontext internationaler Forschung zu diskutieren. Schwerpunkte bilden Fragen der Evidenzbasierung, Adhärenz, Polypharmazie, Hochdosistherapie, der Rolle von Clozapin sowie der Relevanz depotformulierter Antipsychotika. Zudem werden die Häufigkeit und die rechtliche Rahmung medikamentöser Zwangsbehandlungen beleuchtet. Die Daten des Krankenhauses des Maßregelvollzugs Berlin (KMV) zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Patient:innen keine Hochdosistherapien erhält, hingegen aber Clozapin und Depotformulierungen. Eine zentrale Erkenntnis ist die Diskrepanz zwischen Studienpopulationen und der hochkomplexen forensisch-psychiatrischen Patient:innenklientel, die häufig durch Therapieresistenz, Komorbiditäten und chronische Krankheitsverläufe geprägt ist. Diese Diskrepanz verdeutlicht den dringenden Bedarf, forensisch-psychiatrische Patient:innen stärker in die Forschung einzubeziehen und die Leitlinienentwicklung an realen Versorgungspopulationen auszurichten. Abschließend wird diskutiert, inwieweit der Maßregelvollzug zunehmend die Rolle eines Ersatzversorgungssystems für schwer psychisch kranke Menschen übernimmt, und welche ethischen, politischen, versorgungsstrukturellen und gesellschaftlichen Implikationen sich daraus ergeben.
Fields of Study & Subjects
Psychopathy
Forensic Psychiatry
Sexual Offending
Schizophrenia research and treatment
Healthcare Decision-Making and Restraints
Publication details
- Journal / source
- Forensische Psychiatrie Psychologie Kriminologie
- Publisher
- Springer Science and Business Media LLC
- Volume
- 20
- Issue
- 2
- Pages
- 172–184
- Publication date
- 13 April 2026
- Language
- DE