Mehr Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz bei Lese-Rechtschreib- und Rechenstörung

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Authors: Thomas Günther
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Abstract

Zur Person Seit 2012 tätig als Lehrerin für Mathematik (ausgebildete Bauingenieurin), seit 2014 ehrenamtlich tätig beim Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V.; seit 2018 Bundesvorsitzende BVL Sie sind Mutter von drei Söhnen mit Legasthenie. Wie ging es Ihnen in der Anfangszeit? Die ersten Anzeichen zeigten sich bereits in den ersten Monaten nach der Einschulung, als es mit dem Lesenlernen bei meinem ältesten Sohn überhaupt nicht funktionierte. Unsere Verzweiflung war groß, weil das Lesenüben mit Konflikten belastet war und wir als Familie kein Wissen über die Lese-Rechtschreibstörung hatten. Sie sind Vorsitzende des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Was sind die Ziele des Verbandes? Der BVL ist eine Initiative von Eltern, betroffenen Menschen und an den Themen Legasthenie/Dyskalkulie Interessierten. Die Beratung ist eine unserer zentralen Aufgaben. Wir führen Veranstaltungen für Familien und Betroffene durch, sowie Fortbildungen für Lehrkräfte, Fachtagungen und den BVL-Kongress, der den Austausch von Wissenschaft und Praxis fördert. Die Verbesserung der rechtlichen Grundlagen zur Berücksichtigung von Lernstörungen in Schule, Ausbildung und Beruf ist eine weitere Zielsetzung. Gemeinsam mit unseren Landesverbänden sind wir im Austausch mit politischen Gremien. Wichtige Projekte 2025 waren die Kampagne „Mehr Bildungsgerechtigkeit“ und die Unterstützung der neuen Leitlinien zur Legasthenie und Dyskalkulie. Welche psychischen Belastungen beobachten Sie häufig bei Betroffenen? Wir erleben immer häufiger in der Beratung, dass sich Eltern von Kindern an uns wenden, die neben einer Lernstörung auch eine Depression oder Angststörung aufweisen. Gesellschaftliche Akzeptanz und Verständnis spielen hier eine entscheidende Rolle. Kinder, Jugendliche sowie Erwachsene mit Lernstörungen stoßen in Schule bzw. Beruf häufig auf Vorurteile und fürchten Bloßstellung. Nach einer LinkedIn-Umfrage spricht nur knapp ein Viertel der Betroffenen das Thema am Arbeitsplatz an. Für die Mehrheit der Betroffenen bedeutet der Alltag ein Versteckspiel mit der damit verbundenen psychischen Belastung. Schülerinnen und Schüler, die bei ihren Lehrkräften nicht auf das erforderliche Verständnis stoßen, haben oft das Gefühl, dumm zu sein. Eine Vielzahl entwickelt psychische Störungen als Folge der ständigen Misserfolgserwartungen, der unzureichenden Berücksichtigung ihrer Problematik und fehlender Akzeptanz. Welche Maßnahmen wünschen Sie sich von den Schulen? Es ist uns wichtig, dass alle Lehrkräfte an Schulen über Lernstörungen informiert sind, diese frühzeitig erkennen und ausreichend berücksichtigen. Dies schließt auch umfassende Maßnahmen des Nachteilsausgleichs und Notenschutzes ein. Ein schulisches Konzept zum Umgang mit Lernstörungen kann hierbei hilfreich sein. Für die schulische Förderung wünschen wir uns die Einbindung von gut qualifizierten Fachkräften (Lerntherapeuten nach FiL/BVL oder Absolventen des Masterstudiengangs Lerntherapie) an Schulen, die eine Förderung anbieten, die den Empfehlungen der Leitlinien folgt. Welche Erfahrungen haben Sie in Gesprächen mit erwachsenen Betroffenen gesammelt? Die Berichte reichen von Scham, Kollegen bzw. dem Arbeitgeber offen über die Lernstörung zu berichten und der Angst vor Entdeckung und Kündigung bis hin zu schwerwiegenden Depressionen. Gerade Auszubildende und Studierende mit Dyskalkulie erfahren häufig wenig Verständnis und Berücksichtigung. Was sind Ihre Forderungen an die Politik? Wir fordern die gesetzliche Verankerung eines bundesweit einheitlichen Anspruches auf Nachteilsausgleich und Notenschutz bei Legasthenie und Dyskalkulie für die gesamte Schul- und Ausbildungszeit. Darüber hinaus ist uns die Vermittlung von Fachwissen zu Lernstörungen als verpflichtender Bestandteil der Lehreraus- und fortbildung sowie die Einbindung von qualifizierten Therapeuten wichtig. Eine weitere zentrale Forderung ist die Übernahme von Therapiekosten durch Krankenkassen bzw. von staatlicher Seite. Das Interview führte Thomas Günther. Publication History Article published online: 03 March 2026 © 2026. Thieme. All rights reserved. Georg Thieme Verlag KG Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany

Fields of Study & Subjects

Developmental and Educational Neuropsychology Reading and Literacy Development Sociology and Education Studies

Publication details

Journal / source
Sprache · Stimme · Gehör
Volume
50
Issue
01
Pages
42–42
Publication date
1 March 2026
Language
DE