Muskelinstabilität – eine neue Perspektive auf die Pathogenese von Muskel-Skelett-Beschwerden und Non-Kontakt-Verletzungen: Forschungsstand und Praxisrelevanz
Abstract
Zusammenfassung Drückende Maximalkraft wird seit Jahrzehnten zur Untersuchung muskuloskelettaler Beschwerden und Non-Kontakt-Verletzungen herangezogen, ohne plausible Erkenntnisse oder Kausalitäten aufzudecken. Ein neuer Ansatz könnte die haltende Muskelaktion sein. Hier wird der aktuelle Forschungsstand sowie das daraus abgeleitete Potenzial der adaptiven Haltefähigkeit vorgestellt. Ein Review indiziert, dass haltende isometrische Muskelaktion (HIMA) komplexere Steuermechanismen erfordert als drückende (PIMA). Besonders herausfordernd für das neuromuskuläre System ist die Anpassung an variierende Kräfte (Adaptive Kraft; AF). Studien zeigen, dass die max. isometrische AF instantan auf verschiedene Stimuli reagiert. Störende Reize (z. B. Muskelspindelirritation, negative Emotion) reduzierten sie bei Gesunden instantan um 44%, bei Long-COVID-Patienten um 53%; ähnlich bei mentalem Stress und Nozizeption. Unter bestimmten Bedingungen kann also die Maximalkraft zur Gelenkstabilisation gegen externe Kräfte nicht ausreichend abgerufen werden. Muskeln beginnen bereits auf deutlich submaximalem Niveau nachzugeben, woraus Gelenkinstabilität mit Einschränkung der Belastbarkeit resultieren kann. Umgekehrt führten unterstützende Reize instantan zur Normalisierung der max. Haltefähigkeit. Dem sofortigen Wechsel zwischen Stabilität und Instabilität muss ein reflektorisches Geschehen zugrunde liegen. Dies birgt unschätzbares Potenzial. Das Modell der funktionellen Muskelinstabilität liefert plausible Erklärungen für die Pathogenese von Non-Kontakt-Verletzungen, „Überlastungsschäden“ und sonstigen Muskel-Skelett-Beschwerden, auch bei Somatisierungsstörungen und ohne strukturelles Korrelat. Es wird empfohlen, sich bei Studien sowie in der Praxis auch auf die adaptive Haltefähigkeit zu stützen. Ihre besondere Spezifik (instantane Reagibilität, hohe Sensitivität) könnte ermöglichen, frühzeitig Leistungseinschränkungen und Gesundheitsrisiken bzw. umgekehrt unterstützende Maßnahmen zu identifizieren. Damit bietet die AF immenses Potenzial für Kausaldiagnostik, individualisierte Therapieableitung und Verletzungsprävention. Studien zur wissenschaftlichen Fundierung sind nötig.
Fields of Study & Subjects
Muscle activation and electromyography studies
Lower Extremity Biomechanics and Pathologies
Musculoskeletal pain and rehabilitation
Publication details
- Journal / source
- B&G Bewegungstherapie und Gesundheitssport
- Volume
- 42
- Issue
- 01
- Pages
- 24–29
- Publication date
- 1 February 2026
- Language
- DE