Wie theoriefähig ist der Krieg?
Abstract
Krieg ist nicht rational.Das lässt sich bereits den Reflexionen des preußischen Generals und Militärtheoretikers Carl von Clausewitz entnehmen, der in "Vom Kriege" notierte: "Es ist alles im Kriege sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig.Diese Schwierigkeiten häufen sich und bringen eine Friktion hervor, die sich niemand richtig vorstellt, der den Krieg nicht gesehen hat, (…) Friktion ist der einzige Begriff, welcher dem ziemlich allgemein entspricht, was den wirklichen Krieg von dem auf dem Papier unterscheidet" (von Clausewitz, 1832-34/2010, S. 95-96).Clausewitz geht es hier offenkundig nicht darum, den Krieg als irrational zu beschreiben, sondern als ein Geschehen, das sich auf fundamentale Weise nicht auf die Handlungen Einzelner zurückführen lässt.Die Planungen der Feldherren zerschellen in der Regel an der Dynamik und Komplexität des kriegerischen Geschehens.Wer den Krieg also als Abfolge rationaler Entscheidungen versteht, versteht ihn falsch.Das heißt natürlich nicht, dass Planung und rationales Kalkül keine Rolle spieltenim Gegenteil.Wer in den Krieg zieht oder in ihm agieren muss, tut gut daran, strategisch vorzugehen.Nur reicht dies weder im Krieg selbst aus, noch kann sich eine Theorie des Krieges allein auf die Rationalität der Akteure stützen.Vielmehr muss sie sich, folgt man Clausewitz, auf die Friktionen einstellen, mit der sich Akteure im Krieg konfrontiert sehenvon fehlerhaften Informationen über die Gefechtslage über Erschöpfungszustände der Truppen, technisches Versagen, Missverständnisse in der Kommunikation oder schlechtes Wetter.Solche und andere Friktionen sind Clausewitz zufolge keine Nebeneffekte, sondern sie gehören zum Prinzip des Krieges als einer unsicheren, unkontrollierbaren und äußerst komplexen Praxis.Dies hat den französischen Soziologen Raymond Aron rund 130 Jahre später dazu veranlasst, die Theoriefähigkeit des Krieges zu bestreiten.Krieg zeichne sich, so Aron (1963), durch eine unendliche Variabilität aus und sei sozial und historisch kontingent.Ziel könne es daher nur sein, eine Typologie kriegerischer Gewalt aus-
Fields of Study & Subjects
Military History and Strategy
War
Ethics
and Justification
International Relations and Foreign Policy
Publication details
- Journal / source
- Soziologische Revue
- Volume
- 49
- Issue
- 1
- Pages
- 43–53
- Publication date
- 1 February 2026
- Language
- EN