Tarif-Erreichbarkeit: ein Verfahren zur preisbasierten Messung der Erreichbarkeit im Öffentlichen Personennahverkehr unter besonderer Berücksichtigung einkommensarmer Fahrgäste
Abstract
Der Tarif des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) ist für Einkommensarme ein relevanter Kostenfaktor. Zwar haben Menschen mit niedrigem ökonomischen Status seit der Jahrtausend-wende einen größeren Zuwachs an Verkehr realisiert als andere Gruppen, dafür mussten sie aber anteilig mehr Haushaltsbudget aufwenden, denn bis zur Einführung des 9 Euro-Tickets und des Deutschlandtickets waren die Fahrpreise deutlich über der Inflation angestiegen. Somit wurden Alltagsziele immer weniger erreichbar und Betroffene wurden anfälliger für Mobilitätsarmut und dadurch zunehmend in ihren Teilhabechancen eingeschränkt. Viele bewältigten die finanzielle Bedrängnis, indem sie Fahrten nicht antraten oder ihre ÖPNV-Wege sorgsam auf Einzel- und Tageskarten verteilten, um die Ausgaben zu senken. Bei dieser Praxis setzt die vorgestellte Forschungsarbeit an, indem sie erstmalig systematisch die Erreichbarkeit des Bartarifs bemisst. Dafür wurde die Tarif-Erreichbarkeit entwickelt. Beispielhaft für die Verkehrsverbünde Hamburg und Berlin-Brandenburg (HVV und VBB) quantifiziert der Indikator, wie viele Ziele ein Fahrgast mit einem Fahrpreis von höchstens 2,30 EUR aufsuchen kann. Die Kennzahl wird in Beziehung zu acht Variablen für Urbanität gesetzt und separat für den urbanen und ländlichen Raum untersucht, wozu ein lineares und drei räumliche multivariate Regressionsmodelle dienen. Darüber hinaus erkundet die Arbeit, ob die Sensitivität des Modells für Ungleichverteilung mit der räumlichen Auflösung steigt. Dazu werden alle Analysen auf drei Ebenen beschrieben (Gemeinde / Haltestelle / 500 m-Raster). Der VBB bietet im Bartarif eine größere Tarif-Erreichbarkeit. Mit einem Budget von 2,30 EUR können Fahrgäste in Berlin/Brandenburg im Median 91 Haltestellen erreichen, während es im HVV nur 74 Haltestellen sind. Auch die räumliche Verteilung unterscheidet sich. Im HVV folgt die Tarif-Erreichbarkeit deutlich der Zentralität, während sie im VBB mit mehreren Sozial- und Sondertarifen in die Landkreise im Umland hineinreicht. Dies schlägt sich auch in unter-schiedlichen Regressionsparametern für zwei Variablen nieder. So ist im HVV eine hohe Tarif-Erreichbarkeit mit niedriger Kaufkraft und niedriger Pkw-Verfügbarkeit assoziiert, während es sich im VBB umgekehrt darstellt. Die übrigen statistischen Schätzer fallen weitgehend ähnlich aus, es bestehen positive Zusammenhänge zur Durchschnittsmiete und zum ÖPNV Index sowie negative Zusammenhänge zur Reisezeit, zur Wohnfläche und zur Distanz zum Zentrum. Über die Verbünde hinweg spielt dabei die Bevölkerungsdichte im multivariaten Modell eine kleinere Rolle als angenommen. Bestätigen lässt sich aus den Modellschätzungen, dass die räumliche Untersuchungsebene einen Einfluss auf die Sensitivität ausübt. Dabei bietet sich die Haltestellen-Ebene als Kompromiss zwischen dem Bedarf nach statistischer Präzision und der verfügbaren Rechenkapazität an. Mit der neu entwickelten Tarif-Erreichbarkeit erweitert die Forschungsarbeit die etablierten Messgrößen um den Aspekt der finanziellen Kosten. In großräumiger Betrachtung zeigt die Kennzahl große Ähnlichkeit mit bestehenden Maßen der Urbanität. Insbesondere in der kleinräumigen Verkehrs- und Sozialplanung kann sie allerdings dabei helfen, Defizite zu erkennen und der Mobilitätsarmut entgegenzuwirken.
Fields of Study & Subjects
Urban and Freight Transport Logistics
Transportation and Mobility Innovations
Urban Transport and Accessibility
Publication details
- Publication date
- 1 January 2026
- Language
- DE
- Document type
- Thesis