Zeitdruck, Informiertheit und Risikoeinschätzung: psychosoziale Faktoren bei Männern mit lokal begrenztem Prostatakarzinom
Abstract
Hintergrund: Das Prostatakarzinom (PCa) ist die häufigste maligne Erkrankung bei Männern. Ein Großteil der Tumore wird in einem frühen Stadium diagnostiziert und bedarf nicht zwingend einer sofortigen Behandlung, wie einer radikalen Prostatektomie (RP) oder Strahlentherapie (RT). Bei einem lokal begrenztem PCa (LPCa) mit niedrigem Risiko ist die überwachende Therapiestrategie Active Surveillance (AS) sofortigen kurativen Strategien bezüglich der Mortalität nicht unterlegen. Es besteht noch Forschungsbedarf, wie Männer unter AS mit der damit verbundenen psychischen Belastung umgehen und wie psychosoziale Faktoren, die in der Phase kurz nach der Diagnosestellung eine Rolle spielen, miteinander zusammenhängen. Methoden: Die COPCa-Studie, eine multizentrische, prospektive Fragebogenstudie, wurde von 2014 bis 2019 in Deutschland durchgeführt. Es wurden N = 155 (AS: n = 100, RP: n = 55) Patienten mit LPCa zu vier Messzeitpunkten (Baseline und nach 6, 12 und 18 Monaten) untersucht. Für die statistische Analyse wurden Chi-Quadrat-Tests, t-Tests, Mann-Whitney-U-Tests, Friedman-Tests, Kruskal-Wallis-Tests und Spearman-Korrelationen durchgeführt. Ergebnisse: Die Patienten empfanden mehrheitlich wenig Angst, wenig Zeitdruck bei der Therapieentscheidung und berichteten von einer hohen subjektiven Informiertheit. Zwischen diesen drei Faktoren wurde ein Zusammenhang festgestellt. Die Angstwerte der Patienten verringerten sich im Studienverlauf teilweise. Es konnten verschiedene Faktoren für Zeitdruck identifiziert werden. Es gab keinen Zusammenhang zwischen dem Zeitdruck und der Zeit von der Diagnose bis zur Therapieentscheidung. Das ärztliche Personal und nachfolgend das Internet waren für die Patienten die wichtigsten Informationsquellen. Patienten, für welche das Internet die wichtigste Informationsquelle darstellte, zeigten keine erhöhten Angstwerte. Ein beträchtlicher Teil der Patienten, vor allem der RP-Patienten, überschätzte das Risiko, am PCa zu versterben. Die Schätzungen des Mortalitätsrisikos verringerten sich im Studienverlauf nicht. Es gab einen positiven Zusammenhang zwischen der Risikoeinschätzung und der Krankheitsangst. Die LPCa-Patienten schätzten die Wahrscheinlichkeit für AS-Patienten, sich innerhalb von 10 Jahren einer kurativen Therapie unterziehen zu müssen, realistisch ein. Schlussfolgerung: Vor allem unter den RP-Patienten überschätzt immer noch ein relevanter Anteil an LPCa-Patienten das PCa-spezifische Mortalitätsrisiko. Darüber, dass dieses aber relativ gering ist und sich zwischen den Therapiestrategien nicht unterscheidet, sollten die Patienten gezielt aufgeklärt werden. Dennoch weisen Männer mit LPCa mehrheitlich vorteilhafte psychosoziale Charakteristiken auf. Ziel des ärztlichen Handelns sollte sein, jene wenigen Männer zu erkennen, die bspw. klinisch signifikante Angst aufweisen. Die gezeigten Zusammenhänge zwischen den einzelnen psychosozialen Faktoren könnten zusätzliche Ansatzpunkte im psychoonkologischen Gespräch bieten.
Fields of Study & Subjects
Prostate Cancer Diagnosis and Treatment
Cancer survivorship and care
Prostate Cancer Treatment and Research
Publication details
- Publication date
- 1 January 2026
- Language
- DE
- Document type
- Thesis