Erfahrungen zuhause lebender pflegebedürftiger älterer Menschen mit klinischer Depression im ersten Jahr der Coronapandemie
Abstract
Einleitung: Alte und hochaltrige Menschen waren und sind von dem Ausbruch der Coronapandemie in besonderem Ausmaß betroffen: schwere Krankheitsverläufe und Versterben als physische Risikofaktoren auf der einen und psychische Risikofaktoren wie psychische Erkrankungen und Vereinsamung auf der anderen Seite. Diese Studie untersucht die Erfahrungen zuhause lebender vulnerabler alter und hochaltriger Menschen mit Depression und Pflegegrad im ersten Jahr der Coronapandemie. Ziel ist es, in Erfahrung zu bringen, wie das Pandemiegeschehen im Alltag von dieser in der Forschung unterrepräsentierten, vulnerablen Gruppe erlebt wird. Methodik: Problemzentrierte, unstrukturierte und offene Interviews mit N=20 zuhause lebenden älteren Menschen zwischen 66 und 95 Jahren mit Pflegegrad und diagnostizierter klinischer Depression wurden im Juni und zum zweiten Mal im Dezember 2020 durchgeführt. Die Interviews wurden mittels Grounded Theory ausgewertet. Ergebnisse: Es wurden neun Hauptthemen herausgearbeitet. Das Kernphänomen sich abgeschnitten fühlen wurde nicht nur während, sondern auch vor der Coronapandemie berichtet. Die Teilnehmenden führten das Gefühl des Abgeschnittenseins auf ihren Lebensalltag und ihre körperlichen Beeinträchtigungen und Beschwerden sowie ihr hohes Lebensalter zurück. Ihre psychischen Ressourcen und Sozialbeziehungen verringerten das Gefühl des sich abgeschnitten Fühlens. Während der Pandemie wurde Einsamkeit und Isolation eine gemeinschaftlich geteilte Lebensrealität vieler Menschen, was den Teilnehmenden ermöglichte, eine Verbundenheit mit dem Rest der Gesellschaft zu empfinden. Sie begannen ihre Isolation weniger als Belastung, sondern als Schutzfaktor zu sehen, was ihnen ermöglichte, diese als Cocooning neu zu bewerten. Trotz dieser Neubewertung empfanden sie weiterhin Resignation über ihre als unveränderbar erlebte Situation. Diskussion und Schlussfolgerung: Die neugefundene gesellschaftliche Verbundenheit führte zu einer empfundenen Erleichterung der eigenen Lage. Die kontinuierliche Bereitstellung ambulanter, formeller Pflege erlaubte den Teilnehmenden, in regelmäßigem und zuverlässigem Kontakt mit anderen Menschen zu stehen, was nicht nur eine stabilisierende Komponente im Pandemiegeschehen darstellte, sondern die Teilnehmenden unterstützte, mit der erlebten Einsamkeit umzugehen. Auch die persönliche Lebenserfahrung half den Teilnehmenden: Das Wissen, Krisen in der Vergangenheit durch- und überlebt zu haben, ermöglichte einen resilienten Umgang mit den Krisen im Hier und Jetzt. Die Studie zeigt, wie wichtig es ist, Möglichkeiten für Gefühle der Zugehörigkeit und Verbundenheit zu fördern und bereitzustellen, um der Vereinsamung alter und hochaltriger Menschen in einer alternden Bevölkerung entgegenzuwirken, besonders während einer globalen Pandemie. Hierfür bedarf es neuer Ansätze zur Bereitstellung von Teilhabe, Zugänge zu Versorgungsstrukturen und barrierefreier Sozialräume.
Fields of Study & Subjects
COVID-19 and Mental Health
Aging
Health
and Disability
Elder Care
and Social Issues
Publication details
- Publication date
- 1 January 2026
- Language
- DE
- Document type
- Thesis