AWiP - Ambiguitätstoleranz als Wirkfaktor in Psychotherapien - Eine empirische Untersuchung zu Intolerance of Uncertainty in psychotherapeutischen Prozessen
Abstract
Eine grundlegende menschliche Herausforderung besteht darin, eine tragfähige Orientierung gegenüber einer unsicheren Welt zu entwickeln, auf deren Grundlage eigenes Handeln und Entscheiden möglich wird (Jaspers, 1932; Binder, 2024). Gerade in einer Zeit, die von weltpolitischen Konflikten, apokalyptischen Klimaprognosen, der Auflösung traditioneller Kategorien und einem schwindenden Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen geprägt ist (Martin & Eckert, 2021; Kalender & Pfeifer, 2024; Schneider, in press), sind Menschen mit vielfältigen Unsicherheiten konfrontiert. Im psychoanalytischen Verständnis – insbesondere im Licht klassischer Objektbeziehungstheorien – gilt das Ertragen von Ambivalenz, Unsicherheit und Desillusionierungen (Klein, 1940; Winnicott, 1971; Ogden, 2006) sowie das kreative Ausschöpfen eigener Möglichkeitsräume als zentral für psychische Reifung und Gesundheit. Auch aktuell hebt Schneider in seinem Verständnis klinischer Behandlungsprozesse (2009, in press) die Bedeutung des Umgangs mit - im philosophischen Wortsinne - Kontingenz und Negativität im eigenen Leben für die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Symptome hervor. Negativität bezeichnet in diesem Kontext das von einer orientierenden Ordnung (Positivität) Ausgeschlossene, dessen Präsenz zu einer Infragestellung ordnungsstiftender Grenzen führen und die verunsichernde Möglichkeit des Andersseins (Kontingenz) aktualisieren kann (Schneider, in press). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß die individuelle Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz – verstanden als Umgang mit der eigenen Fraglichkeit und Negativität – ein prädiktiver Faktor für psychische Symptomveränderungen ist. Diese These Schneiders soll in der vorliegenden Studie empirisch geprüft werden. Aktuelle Psychotherapieprozessforschung fokussiert insbesondere auf die Facette der Intolerance of Uncertainty (IU) als potenziell transdiagnostischen Mechanismus psychischer Störungen. Hohe querschnittliche Zusammenhänge mit Symptombelastung (Gentes & Ruscio, 2011; Sahib et al., 2023; Shihata et al., 2016) sowie deutliche Veränderungen des Konstrukts im Therapieverlauf (Miller & McGuire, 2023) unterstreichen die klinische Relevanz von IU. IU beschreibt dabei eine passive, oft ohnmächtige Reaktion auf die Unkontrollierbarkeit zukünftiger Ereignisse – ein Aspekt von Ambiguitätstoleranz, der besonders das passive Unterworfen-Sein gegenüber Kontingenz und Negativität betont (Hillen et al., 2017, Shihata et al., 2016). Die interne Validität dieser Befunde ist jedoch durch den Mangel an experimentellen und längsschnittlichen Designs begrenzt (Rosser, 2019): Unklar bleibt etwa, ob Veränderungen der IU Ursache, Folge oder bloßes Korrelat von Symptomveränderungen sind. Die geplante Studie nutzt wöchentliche Therapiedaten und schätzt ein Random-Intercept Cross-Lagged Panel Model (Falkenström, 2024; Hamaker et al., 2015; Mulder & Hamaker, 2021), um die dynamischen Zusammenhänge zwischen Ambiguitätstoleranz und psychischer Symptomatik mit erhöhter interner Validität untersuchen zu können. Erste Ergebnisse einer Pilotstudie mit einer studentischen Stichprobe (N = 266) belegen stabile Zusammenhänge auf Traitebene, deuten jedoch darauf hin, dass klinische Kontexte mit höherer intraindividueller Varianz und dynamischeren Prozessen erhoben werden müssen, um den hypothesisierten kausalen Mechanismus valide nachweisen zu können. Das Projekt eröffnet darüber hinaus mehrere Erweiterungen: 1. Vergleich mit etablierten Prozessmechanismen: Die Bedeutung von IU für therapeutische Veränderungen wird an Faktoren wie der therapeutischen Arbeitsbeziehung, Agency und Emotionsregulationsstrategien relativiert und leistet so einen allgemeineren Beitrag zur Psychotherapieprozessforschung. 2. Integration von Selbstmitgefühl: Schneiders (1995) theoretischer Ansatz legt nahe, dass die Integration negativer, d.h. fremder Selbstanteile – operationalisiert als Selbstannahme implizierendes Selbstmitgefühl – einen Anstieg von Ambiguitätstoleranz begünstigen kann. Diese Hypothese lässt sich empirisch prüfen, indem Veränderungen von Selbstmitgefühl und AT im Therapieverlauf gemeinsam modelliert werden. 3. Explorative Fragestellungen: Der vielschichtige Datensatz kann aufgrund der einbezogenen Variablen zur Untersuchung weiterer zukünftiger Fragestellungen genutzt werden. Insgesamt schließt das Forschungsvorhaben eine sowohl theoretische als auch methodische Lücke: Es verbindet Schneiders tiefenstrukturierte Konzeption von Ambiguitätstoleranz mit aktuellen empirischen Designs und bietet einen innovativen Zugang zur transdiagnostischen Relevanz von Ambiguitätstoleranz für psychische Gesundheit und Psychotherapieprozessforschung.
Publication details
- Journal / source
- Open Science Framework
- Publication date
- 1 January 2026