Hausaufgabe: Digitale Kompetenz – Schule digital gedacht und umgesetzt
Abstract
Wieder ein Heft zu Schule und Digitalisierung? Man kann den Eindruck haben, es sei alles gesagt – und gleichzeitig erleben viele, dass zwischen klugen Diagnosen und verlässlicher Praxis eine große Lücke klafft (Schaumburg, 2021). Vielleicht liegt das auch daran, dass sich der Kern des Themas verschoben hat: Nicht nur die Technik verändert sich, sondern die Bedingungen, unter denen Schule Orientierung ermöglicht. In einer ,Kultur der Digitalität‘ geht es deshalb weniger um die nächste App als um Wahrnehmung, Urteilskraft, Verantwortung und Teilhabe (Stalder, 2016) – quer zu Fächern, Schulstufen und Lernorten (KMK, 2016). Zugespitzt formuliert es die Kultusministerkonferenz: Es geht um „Kompetenzen […], die Lernenden eine mündige, souveräne und aktive Teilhabe an der digitalisierten Lebens- und Arbeitswelt ermöglichen“ (KMK, 2021). Genau hier zeigt sich eine Entwicklung, die man als Fortschritt lesen kann – und die zugleich neue Aufgaben erzeugt. Dass Fachdidaktiken mediale Phänomene zunehmend selbstverständlich aufnehmen, ist ein Gewinn: Digitalität rückt aus dem ,Zusatzstatus‘ in fachliche Sinnzusammenhänge (KMK, 2016). Aber diese Normalisierung hat eine Nebenwirkung: Wenn Medienbildung überall stattfindet, braucht sie umso stärker eine gemeinsame Klammer. Sonst bleibt sie in der Praxis leicht punktuell – abhängig von Engagement, Projekten oder lokalen Gelegenheiten (Niesyto, 2016; Schulze, Drossel & Eickelmann, 2022). Was dann fehlt, ist nicht ,noch mehr Digitales‘, sondern Verbindlichkeit und Tiefe: die systematische Auseinandersetzung mit medialen Lebenswelten, Plattform- und Datenlogiken, medienethischen Konflikten sowie Fragen von Macht, Öffentlichkeit und Demokratie – und die organisatorische Seite, ohne die all das nicht trägt (Progression, Unterstützungssysteme, gerechte Zugänge). Der Blick zurück auf die Pandemie macht diese Spannung sichtbar. Viele Schulen haben in kurzer Zeit neue Routinen aufgebaut: Plattformen wurden zum Kommunikationsraum, Kollaboration zur Notwendigkeit, digitale Materialien zum Standard. Zugleich hat die Krise gezeigt, wie fragil digitale Praxis bleibt, wenn Support, Zeitkontingente, Rollen und Verantwortlichkeiten ungeklärt sind – und wie sehr Digitalität als Schulentwicklungsaufgabe verstanden werden muss, nicht nur als Unterrichtsfrage (Huber, 2022; Schaumburg, 2021; KMK, 2021). Konsolidierung heißt heute nicht: ,zurück zur Normalität‘, sondern: Digitalität so zu organisieren, dass sie pädagogisch begründet, technisch tragfähig und sozial gerecht wird – und dass sie als gestaltbare Ressource erlebt werden kann, nicht als Zusatzbelastung. Während diese Konsolidierung noch läuft, verschiebt Künstliche Intelligenz erneut die Koordinaten. KI wirkt wie ein Brennglas: für Beurteilung und Leistung, für Transparenz und Datenschutz, für professionelle Verantwortung und die Frage, welche Lernprozesse Schule überhaupt ermöglichen will. Internationale Orientierungspapiere betonen dabei besonders Regulierung, Datenschutz, Transparenz und Fragen der Chancengerechtigkeit – also genau jene Dimensionen, die über einzelne ,Anwendungsfälle‘ hinausgehen (UNESCO, 2023). Erste Anwendungen zeigen Potenziale – zugleich entstehen neue Abhängigkeiten, neue Ungleichheiten und neue Zumutungen der Entscheidung: Was darf genutzt werden? Was muss verstanden werden? Was soll Schule begrenzen – und was aktiv gestalten? (Eickelmann et al., 2024; Breiter & Bock, 2023). Und nicht zuletzt: Finden sich die medial geprägten Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen in Medienkonzepten, Regelsetzungen und Lernarrangements wieder – oder bleibt Schule strukturell einen Schritt hinter der Alltagsrealität digital sozialisierter Generationen? (KMK, 2021; Stalder, 2016). Vor diesem Hintergrund sind wir der Meinung, dass es dringend wieder ein Heft zu Schule und Digitalisierung braucht und wir sind unseren Autor*innen sehr dankbar für ihre vielfältigen Perspektiven, mutigen Analysen und Ideen für die Weiterentwicklung. Den Auftakt machen Sonja Berger, Florian Schultz-Pernice, Johanna Vejvoda, Frank Fischer und Michael Sailer mit einem Beitrag zu den Kompetenzen, die Lehrkräfte im Umgang mit KI benötigen. Ausgehend von einer Studie der Universität München wird sichtbar: medienbezogene Kompetenzen haben insgesamt zugenommen, bei KI-bezogenen Kompetenzen besteht jedoch weiterhin Entwicklungsbedarf. Im Anschluss daran richten Thomas Irion, Mathias Nagel, Anna Meder und Carina Ziegler den Blick auf CreatorSpaces – als Möglichkeitsräume und als Konzept, das Medienbildung als Lernkultur etabliert: aktive Medienarbeit, kreative Produktion und Reflexion. Das RANG-Modell (Reflexion, Analyse, Nutzung, Gestaltung) bietet dafür einen Orientierungsrahmen, der auch für Zukunftsfragen und KI-Phänomene anschlussfähig ist. Im Fokus des Interviews, das Kati Struckmeyer mit Susanne Eggert geführt hat, stehen Leitlinien zur digitalen Grundbildung in der Grundschule: Wer legitimiert sie, wie entsteht Akzeptanz – und was braucht es, damit Leitlinien im Schulalltag mehr sind als gut gemeinte Papiere? Mit der Rolle der Pädagogischen ICT-Supporter*innen (PICTS) setzen sich in dem anschließenden Beitrag Evelyne Fankhauser und Daniel Labhart auseinander. PICTS sind Lehrpersonen, die an jeder Schule im Kanton als erste Anlaufstelle Medien- und Digitalfragen im Alltag aufnehmen, Standards und Workflows mitentwickeln und Wissen im Kollegium aufbauen. Eine schulnahe Rolle, die digitale Medienbildung zwischen Unterricht, Organisation und Support pädagogisch übersetzt und verankert. Im Zuge des Kuratierens dieses Themenschwerpunkts hat uns interessiert, wie sich aktuelle Diskurse und Befunde zu Digitalität an Schulen aktuell in der Praxis abbilden. Somit haben wir uns an einen eigenen Artikel gewagt, um unter Mithilfe von sieben Personen aus der ,Schulfamilie‘ ein Stimmungsbild zu zeichnen. So viel vorweg, die Studienergebnisse und die Alltagsbeobachtungen aus der Praxis sind weitestgehend deckungsgleich. Abschließend widmet sich Stoyan Radoslavov der Frage, wie Schule von Kooperationen profitieren kann und welche Rahmenbedingungen dafür erfüllt werden müssen. Die hier versammelten Beiträge werden durch weitere Einblicke in den Schulalltag online ergänzt. Zusätzlich gibt es in den Social Media Kanälen von merz (Instagram: @merz_zeitschrift | Pixelfed: @merz_zeitschrift) die Möglichkeit, sich über eigene Erfahrungen und neue Konzepte auszutauschen. Insbesondere interessiert uns die Frage, was die Vertreter*innen der Medienpädagogik zu dem Bild von Schule sagen, das wir mit diesem Heft zeichnen. Wir freuen uns auf den Austausch und die weitere Befassung mit dem Thema.
Fields of Study & Subjects
Literacy
Media
and Education
Digital literacy in education
Education and Digital Technologies
Publication details
- Journal / source
- merz | medien + erziehung
- Volume
- 70
- Issue
- 1
- Pages
- 7–10
- Publication date
- 11 February 2026
- Language
- DE