Digitaler Kolonialismus

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Authors: Frank Findeiß
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Abstract

Dachwitz, Ingo & Hilbig, Sven (2025). Digitaler Kolonialismus. Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen. München: C. H. Beck. 351 S., 26 €. Ist der Kolonialismus Geschichte und das dunkle Kapitel von Eroberung, Unterdrückung und Ausbeutung des Globalen Südens aktuell beendet? Nein, so die Antwort des 2025 zum besten Sachbuch des Deutschen Buchhandels nominierten Titels Digitaler Kolonialismus. Denn, so Hilbig in einem Interview, „die Digitalisierung hat einen sehr dreckigen Fußabdruck im Globalen Süden“. Der Digitale Kolonialismus sei nur die Fortschreibung des originären Kolonialismus, und beruhe immer noch auf Ausbeutung und Machtverhältnissen, die im ,alten‘ Kolonialismus wurzeln. Dies wird journalistisch fein und für Lai*innen gut lesbar dargelegt. Opfer ist noch immer der Globale Süden, dessen Rohstoffe für den Luxus des Globalen Nordens ausgebeutet werden. Die ,Geisterarbeiter*innen‘ des Südens filtern in digitalen Sweatshops Hassrede und Kinderpornographie aus Youtube, TikTok und ChatGPT – ihre Zahl wird auf 135 bis 400 Millionen Menschen geschätzt! Ihre unterbezahlte Arbeitsleistung ist es, mit der sie Datenmassen redigieren und in die Trainingsmühlen der Large Language Models schaufeln. Der Süden liefert und erduldet, der Norden diktiert und profitiert. Was da genau global und alltäglich passiert, beschreiben die Autoren in sieben Kapiteln, in denen sie digitale Abhängigkeiten beleuchten – von der Rohstoffgewinnung (Kinder, die in Minen Kobalt schürfen für E-Mobilität und Smartphones), über vorenthaltene Datensouveränität (Bewegungsprofile und Fotos werden ohne Einverständnis zum Training von Identitätserkennungssoftware verwertet) bis zur künstlichen Abhängigkeit von Kleinbauern von den Datensätzen der Tech-Konzerne. Wer dieses Buch aufmerksam liest, wird in Zukunft kritischer auf die eigene Mediennutzung blicken und Fragen stellen: Brauche ich wirklich alles, das mir die Konzerne verkaufen wollen? Bin ich mir bewusst, wohin meine Daten wandern und wie Google-Antworten oder TikTok-Vorschläge zustande kommen? Kann ich ruhig damit leben, dass sich eine immense Macht in den Händen weniger Männer konzentriert und wächst? Diesem eher düsteren Ausblick stellen die Autoren am Ende eine optimistische Position entgegen und lassen im Nachwort die Menschenrechtsanwältin und Aktivistin Renata Àvila Pinto zu Wort kommen. Sie beschreibt die Weltgesellschaft im Jahre 2050, in der die Tech-Governance dezentralisiert wurde, Konzerne ihre Macht an Kooperativen abgegeben haben und in der Technologien demokratisch entwickelt werden. In dieser utopischen Gesellschaft findet Bildung nicht mehr am Tropf von Windows, Google und Apple statt, sondern in adaptiven Open-Source-Umgebungen. Somit erscheint am Ende des Buches, das für eine Digitalisierung auf Augenhöhe eintritt, noch einmal ein goldener Schimmer am Horizont: unser aller Aufmerksamkeit und Handeln kann die Wende einläuten — wir haben es in der Hand (bzw. als Smartphone in der Tasche).

Fields of Study & Subjects

Digital Economy and Work Transformation Ethics and Social Impacts of AI Legal and Labor Studies

Publication details

Journal / source
merz | medien + erziehung
Volume
70
Issue
1
Pages
89–89
Publication date
11 February 2026
Language
DE