Ich sortiere, also bin ich!
Abstract
Es gibt Spiele, in denen rettet man die Welt. Und es gibt Spiele, in denen sortiert man Socken. Letztere heißen Cozy Games und liegen voll im Trend. Keine Explosionen, keine Highscores, keine Bosskämpfe. Nur ich, eine digitale Schublade – und die Gewissheit, dass jedes Objekt irgendwann seinen richtigen Platz findet. Spiele wie Unpacking und A Little to the Left erzählen keine großen Geschichten. Sie versprechen Ordnung, Übersicht und ein Leben ohne Push-Nachrichten. Und sie tun etwas, das in unserer ultrabeschleunigten Welt selten ist: Sie nehmen Druck raus. Kein Verlieren, kein Scheitern, keine Bewertung. Keine Lootbox, die mich zu noch mehr und immer weiter verführt. Nur Ordnung. Und manchmal ein Kaktus, der schief im Regal steht. Ganz so neu ist diese Spielform nicht. Seit 2000 gehen die Sims ihrem virtuellen Alltag nach; sie backen, putzen, heiraten und leben friedlich dahin. Die Sims ist quasi die Mutter aller Cosy Games. Alle diese Spiele vereint die Sehnsucht nach einer kleinteilig-kuscheligen Welt mit übersichtlichen Abläufen und einem heimeligen Spielgefühl. Das ist bemerkenswert in einer Medienwelt, die sonst permanent optimiert, bewertet und beschleunigt. In Cozy Games darf man langsam sein. Fehler sind egal. Fortschritt ist optional. Das Spiel sagt nicht: „Du könntest besser sein“, sondern höchstens: „Möchtest du noch ein Regal einsortieren?“. Medienpädagogisch ließe sich nun warnen: Eskapismus! Rückzug! Flucht aus der Realität! Doch vielleicht ist das Gegenteil der Fall. Cozy Games sind keine Weltflucht, sondern eine Reaktion auf Dauerstress, Leistungslogiken und algorithmische Daueraufmerksamkeit. Sie sind das digitale Äquivalent zu Ausmalbüchern – nur mit besserem Sounddesign. Der Trend zur Beschäftigung mit kleinteiligem Interieur ist nicht auf den digitalen Raum begrenzt. Im Freundeskreis meiner Tochter sind derzeit Book Nooks angesagt. Das sind Bausätze, mit denen Miniaturwelten erschaffen werden, die als – nun ja – Buchstützen fungieren. Die Fingerfertigkeit, Geduld und Konzentration, mit denen meine Tochter hier zu Werke geht, ist atemberaubend. Als Belohnung gibt es eine Welt voller Kram in winzig, die zum Träumen einlädt. Beim digitalen Sortieren in den Cosy Games ist die elterliche Reaktion meist eine Mischung aus Verblüffung und Schmunzeln: „Du spielst jetzt ein Spiel, in dem du aufräumst?“ Ja, und das zurecht. Denn wer freiwillig digital aufräumt, hat verstanden, dass Medien nicht immer lauter, schneller oder kompetitiver sein müssen. Cosy Games und Book Nooks als Kommentar auf die reale Gegenwart zu verstehen, liegt nahe. Kriegswütige Despoten, der Vormarsch rechtsradikaler Regierungen und Parteien, die Klimakrise, Leistungsdruck und Selbstoptimierung: Es gab sicher entspanntere Zeiten, um Kindheit und Jugend zu erleben. Cosy Games versprechen Übersicht und Sicherheit im Kleinen. Wer will dazu schon Nein sagen. Dann schon eher: „Lass uns doch mal in deinem Spiel gemeinsam Socken sortieren und aufräumen. Und danach vielleicht in deinem Kinderzimmer?“
Fields of Study & Subjects
Digital Games and Media
Educational Games and Gamification
Digital Media and Philosophy
Publication details
- Journal / source
- merz | medien + erziehung
- Volume
- 70
- Issue
- 1
- Pages
- 96–96
- Publication date
- 11 February 2026
- Language
- DE