Interview mit Anna Zierer und Hans-Jürgen Rotter zum Thema 'Schule und Digitalisierung'

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Abstract

Foto: © Landesmedienzentrum Baden-Württemberg Anna Zierer studierte Kommunikationswissenschaft und Kulturelle Bildung und ist seit 2020 Projektleiterin des Makerspaces am Stadtmedienzentrum Stuttgart. Als medienpädagogische Referentin liegt ihr Schwerpunkt auf der Maker Education. Unter anderem berät sie Schulen und Schulträger bei der Einrichtung und Gestaltung von Makerspace-Lernräumen unter dem Motto: "Nicht jede Schule braucht einen Makerspace, jede Schule sollte ein Makerspace sein." Foto: © Landesmedienzentrum Baden-Württemberg Hans-Jürgen Rotter ist studierter Gymnasiallehrer mit den Fächern Sport und Geographie und leitet seit 2015 das Stadtmedienzentrum Stuttgart am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg. Er berät Schulträger und Schulen im Bereich der Medienpädagogik und der Digitalisierung. Ein zentraler Schwerpunkt seiner Arbeit der letzten Jahre ist die Entwicklung innovativer Lernraumszenarien und pädagogischer Konzepte für zeitgemäßes Lernen. Wie würden Sie den aktuellen Stand der Digitalisierung an Ihrer Schule bzw. in Ihrem Zuständigkeitsbereich beschreiben: zu viel, zu wenig – oder zu einseitig? Als unterstützende Instanz für Schulen und Schulträger beim Thema Digitalisierung sind wir als Stadtmedienzentrum Vorreiter und Ideengeber. Wir sehen jedoch auf Seiten der Schulträger weiterhin großen Handlungsbedarf. Die Corona-Krise hat das Thema beschleunigt, schließlich mussten sehr schnell digitale Strukturen für eine funktionierende digitale Kommunikation aufgebaut werden, damit verbunden auch die Beschaffung von Technik und Endgeräten. Vor allem wurde den politischen Entscheider*innen bewusst, dass deutlich mehr Geld bereitgestellt werden muss, als das bisher der Fall war. Der Begriff des ‚Brennglases‘ wurde in diesem Zusammenhang oft erwähnt. Die Aufmerksamkeit für das Thema wurde geschärft und damit auch mehr flächendeckende und langfristige Aktivtäten und Programme angestoßen, die Digitalisierung an den Schulen vorantreiben. Allerdings dauert es immer noch sehr lange, bis die Maßnahmen an den Schulen greifen und spürbare, funktionierende Verbesserungen der Ausstattung im einzelnen Klassenzimmer angekommen sind. Vergessen wir nicht, dass das alles nur wirkt, wenn Lehrkräfte bereit und fähig sind, mit neuen oder erweiterten technischen Werkzeugen umzugehen. Die Fortbildungsoffensiven waren richtig, müssen aber konsequent weiterverfolgt werden. Wir verwenden hier gerne das Bild vom großen Dampfer, der in Bewegung gebracht werden muss. Schnellboote wären besser. Welche Räume gibt es, um mit Schüler*innen aktuellen digitalen Phänomenen und Entwicklungen nachzugehen – etwa über Influencer*innen, Desinformation, KI, Gaming, Hate Speech, Privacy? Passiert das eher im Unterricht oder in anderen Formaten? Es gibt zu wenig! Wir brauchen dringend Input im Bereich des Jugendmedienschutzes. Das können Lehrkräfte nicht allein stemmen. Sie unterrichten ihre jeweiligen Fächer und haben im Bereich Jugendmedienschutz in der Regel keine fachlichen Kompetenzen. Schüler*innen sind Lehrkräften in der Nutzung digitaler Medien für die digitale und soziale Kommunikation meist weit voraus. Allerdings sehen sie kaum die Risiken und Gefahren. Auch reflektieren sie ihr Konsumverhalten unzureichend, wenn überhaupt. Hier muss es entsprechende Angebote geben, zum Beispiel in Form von Präventiv-Workshops, Lehrkräftefortbildungen und weiteren Formaten von fachkompetenten Kooperationspartner*innen der Jugendbildung. Welche Faktoren erleben Sie als besonders hemmend, wenn es um Medienbildung und informatische Bildung im Unterricht geht? (z. B. fehlende Qualifikation, Bereitschaft, Haltung, Ausstattung, zeitliche Rahmen, Datenschutzherausforderungen) Durch die bei uns seit einiger Zeit steigende Nachfrage an Fortbildungs- und Schulungsveranstaltungen zu bestimmten informatischen beziehungsweise medienbildnerischen Themen bemerken wir einen wachsenden Bedarf im Bereich Weiterbildung und Qualifikation in diesen Bereichen. Dieser kann aktuell in der Fläche und in der Gesamtstruktur der Bildungslandschaft noch nicht ausreichend abgebildet werden. Hier fällt uns in unserer täglichen Arbeit als Instanz zwischen Schulträger und Schule auf, dass eine engere Verzahnung zwischen Beschaffung/Ausstattung und entsprechenden Fortbildungskonzepten hilfreich wäre, um passgenaue und dennoch auf die Fläche übertragbare Konzepte zu entwickeln, die den Bedarf besser abdecken können. Die Bereitschaft dazu, sich mit informatischen und medienbildnerischen Themen zu beschäftigen, erscheint uns deutlich größer als noch vor ein paar Jahren und ist aus unserer Sicht keiner der zentralen hemmenden Faktoren mehr. Das Thema Datenschutz spielt zwangsläufig eine zentrale Rolle und ist entsprechend gerade bei Themen der Digitalisierung immer eine große Herausforderung. Inwiefern diese hemmende Wirkung eingedämmt werden kann, wäre sicher kontroverser zu diskutieren als die Tatsache des steigenden Bedarfs an Fortbildungs- und Unterstützungsangeboten. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in Ihrem Schulalltag (z.B. als Lerngegenstand, Tool zur Unterrichtsvorbereitung, Lernassistenz, Lernportfolio, Produktionsunterstützung)? Welche Herausforderungen und Chancen sehen sie? Wir sehen, dass KI in den Schulen auf unterschiedliche Weise angekommen ist und genutzt wird, ob nur zur Unterrichtsvorbereitung oder auch im Unterricht als Hilfsmittel, Lernassistent etc. oder als Lerngegenstand. Auch hier ist der Bedarf an Schulung und Fortbildung enorm groß, denn so unterschiedlich wie die Nutzung ist auch der Kenntnisstand. Allen in der Schule den gleichen Kenntnisstand und die gleiche Technik als Basis zu vermitteln, um allen theoretisch die gleichen Nutzungsmöglichkeiten zu bieten, ist hier Chance und Herausforderung zugleich. Dass KI bereits eine große Rolle spielt und zukünftig spielen wird, steht sicher nicht zur Debatte. Letztendlich steht man – wie auch bei der Mediennutzung generell – vor der Herausforderung, eine Entwicklung so in den Schulalltag zu integrieren, dass bestehende Ungleichheiten nicht vergrößert, sondern verkleinert werden. Durch selbst geschriebene Lernassistenten den Schüler*innen motivierendes individuelles Lernen zu ermöglichen, ist dabei beispielsweise sicher eine Chance. Diese kann aber nur genutzt werden, wenn die User*innen gleiche Voraussetzungen haben (Basiswissen, Technik). Diese gleichen Voraussetzungen und Möglichkeiten bei einem sich ständig weiterentwickelnden Thema (z. B. KI-gestützter Internetbrowser …) zu schaffen, ist sicher mit eine der größten Herausforderungen. Was tun Sie, damit digitale Bildung zur Bildungsgerechtigkeit beiträgt und Teilhabechancen für alle schafft? Wir sind im ständigen Dialog mit Schulträger und Schulen, um Schulentwicklung generell und damit auch im digitalen Bereich voranzubringen und gemeinsam zu gestalten. Unsere Fortbildungs- und Workshopangebote orientieren sich am Bildungsplan und den jeweils aktuellen und individuellen Bedürfnissen und sind für die öffentlichen Schulen in unserem Zuständigkeitsbereich kostenlos. Ebenso der Geräteverleih, um die eigene Ausstattung an der Schule zu ergänzen oder Neues auszuprobieren. Das Onlineangebot mit aktuellen Themen und Selbstlernkursen steht ebenfalls offen und frei zur Verfügung. Durch die enge Anbindung an das Landesmedienzentrum und die gute Vernetzung im Medienzentrenverbund Baden-Württemberg können viele Themen landesweit unterstützt und Schulen, Lehrkräften, Schüler*innen und Eltern zahlreiche Angebote zur Verfügung gestellt werden, die Teilhabechancen schaffen.

Fields of Study & Subjects

Education and Communication Studies Education and Digital Technologies Digital Education and Society

Publication details

Journal / source
merz | medien + erziehung
Volume
70
Issue
1
Publication date
11 February 2026
Language
DE