Interview mit Jan Wolthuis zum Thema 'Schule und Digitalisierung'

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Abstract

Foto: © Ruth Forrester Jan Wolthuis ist seit 2003 Lehrkraft für die Fächer Geographie und Wirtschaft/Recht im gymnasialen Schuldienst. Zudem arbeitete er einige Jahre als Fachschaftsleiter, Vertrauenslehrer und Stufenbetreuer. Seit 2012 ist er Mitglied im Schulleitungsteams und seit 2/2024 Schulleiter des Graf-Rasso-Gymnasiums Fürstenfeldbruck. Wie würden Sie den aktuellen Stand der Digitalisierung an Ihrer Schule bzw. in Ihrem Zuständigkeitsbereich beschreiben: zu viel, zu wenig – oder zu einseitig? Die digitale technische Infrastruktur unserer Schule kann momentan durchaus überzeugen, da alle Klassen- und Fachräume mit neuen digitalen Tafeln (inkl. Dokumentenkamera, Lautsprechern und AppleTV) ausgestattet und fast alle Lehrkräfte mit einem Dienstgerät versorgt wurden. Zudem verfügen wir über ausreichend Access Points und das WLAN im Haus läuft relativ stabil. Die Voraussetzungen für digitales Arbeiten sind somit gegeben. Gibt es bei Ihnen eine 1:1-Ausstattung mit digitalen Endgeräten? Da wir am bayerischen Projekt Digitale Schule der Zukunft teilnehmen, arbeiten die Schüler*innen ab der 9. Jahrgangsstufe flächendeckend mit ihren eigenen iPads. Hiermit haben wir vor eineinhalb Jahren begonnen. Eine 1:1-Ausstattung für jüngere Schüler*innen ist nicht angedacht. Hier arbeiten wir mit den iPad-Koffern der Schule. Technische Probleme bereiten uns gelegentlich das Mobile Device Management oder das nicht immer reibungslose Funktionieren einzelner Apps auf den Endgeräten. Wie wird an Ihrer Schule mit privaten vs. schulischen Geräten umgegangen? Gibt es klare Regelungen – und wie wirken sich diese im Alltag aus? Die iPads der Schüler*innen befinden sich während der Unterrichtszeit beziehungsweise auf dem Schulgelände im sogenannten ‚Schulmodus‘ und es können nur für den Unterricht zugelassene Apps verwendet werden. Es existiert ein klares Regelwerk, eine sogenannte ‚Tabletetokette‘, zur Nutzung der Geräte an der Schule. Dieses Regelwerk ist im vergangenen Schuljahr in der Zusammenarbeit mit Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern und der Schulleitung entstanden und wird jedes Jahr für alle Schüler*innen nochmals klar kommuniziert und erklärt, zum Beispiel auf Schulversammlungen. Die Nutzung von Smartphones ist nicht oder nur nach Rückfrage bei einer Lehrkraft und in Ausnahmefällen gestattet. Die Lehrkräfte versuchen hier sehr konsequent einzugreifen. Der bisherige Schulalltag zeigt, dass eine gemeinsame Haltung aller Mitglieder der Schulgemeinschaft von großer Bedeutung ist und das gemeinsame Arbeiten an einer sinnvollen Nutzung der digitalen Möglichkeiten eine fortwährende Herausforderung darstellen wird. Für welche Zwecke werden digitale Endgeräte im Unterricht hauptsächlich genutzt? (z. B. zum Lernen/Üben/Trainieren, Forschen (Beobachten, Messen, Auswerten, Analysen von Medienprodukten), für kreative Produktionen (z. B. Programmierprojekte, Foto-, Audio- und Videoprojekte), für Informationsrecherche und kritische Informationsverarbeitung, Kommunikation, Dokumentation, Reflexion der Mediennutzung, …) Die mögliche Bandbreite der verschiedenen Einsatzszenarien digitaler Endgeräte ist tatsächlich sehr groß. An einer Schule unserer Größe (über 1.000 Schüler*innen, ca. 80–90 Lehrkräfte) werden die Geräte sicherlich für vielfältige Zwecke eingesetzt. Die Schüler*innen führen zunächst einmal ganz klassisch ihr digital gestaltetes Heft auf dem Gerät, bearbeiten von der Lehrkraft zur Verfügung gestellte Materialien und nutzen das Tablet sehr oft für Recherche- sowie Analysearbeiten. Im Hinblick auf das 4K-Modell können wir feststellen, dass gerade kreative Produktionen (z. B. Videoprojekte) in Abhängigkeit von Fach und Lehrkraft relativ häufig stattfinden. Gleiches gilt zum Beispiel für kollaboratives Arbeiten im Rahmen von (kleineren) Projekten. An dieser Stelle sei angemerkt, dass wir keinesfalls darauf abzielen, einen komplett durchdigitalisierten Unterricht anzubieten, sondern ausgehend von einem Mehrwert des jeweiligen digitalen oder eben auch anlogen Bausteins aus zu denken. Die Weiterentwicklung des Unterrichts steht zwar immer, aufgrund der sich rasch fortentwickelnden (technischen) Möglichkeiten aber nochmals verstärkt im Zentrum unserer Schulentwicklungsprozesse. Pädagogische Tage sowie unser niederschwelliges Fortbildungskonzept für die Lehrkräfte beschäftigen sich insbesondere mit den digital möglichen Bausteinen. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in Ihrem Schulalltag (z. B. als Lerngegenstand, Tool zur Unterrichtsvorbereitung, Lernassistenz, Lernportfolio, Produktionsunterstützung)? Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie? Künstliche Intelligenz ist im Schulalltag vieler, aber nicht aller voll angekommen. Lehrkräfte nutzen beispielsweise die Möglichkeiten der Unterrichts- und Prüfungsvorbereitung. Schüler*innen schätzen zum Beispiel das angebliche Wissen der KI oder die Fähigkeit dieser, Hausaufgaben zu erledigen und Präsentationen zu erstellen. Das Thema KI stellt eine der größten Herausforderungen dar: Es gilt, möglichst viele Lehrkräfte rasch zu sensibilisieren und fortzubilden, den Unterricht sinnvoll (s. o.) weiterzuentwickeln („Lernen mit, trotz, über, durch und ohne KI“) und Prüfungsformate auf den Prüfstand zu stellen. Bei aller KI gilt aber weiterhin: Auf den*die Lehrer*in (bzw. Lernbegleiter*in und Coach) kommt es an!

Fields of Study & Subjects

Education and Communication Studies Education and Technology Integration Education and Digital Technologies

Publication details

Journal / source
merz | medien + erziehung
Volume
70
Issue
1
Publication date
11 February 2026
Language
DE