Interview mit Thomas Merz zum Thema 'Schule und Digitalisierung'
Abstract
Foto: © Urheber*in unbekannt, z. Vfg. Thomas Merz Prof. Dr. Thomas Merz ist Prorektor Forschung und Wissensmanagement an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Ursprünglich Primarlehrer und Journalist, studierte er Theologie, Psychologie und Publizistik an der Uni Fribourg und promovierte an der Uni Zürich zu "Medienbildung in der Volksschule". Sein Schwerpunkt liegt bei Konsequenzen der Digitalisierung für die Volksschule. Neben reger Publikations- und Referententätigkeit arbeitete er u. a. am Schweizer Lehrplan 21 und verschiedenen Lehrmitteln mit. Wie würden Sie den aktuellen Stand der Digitalisierung an Ihrer Schule bzw. in Ihrem Zuständigkeitsbereich beschreiben: zu viel, zu wenig – oder zu einseitig? Als Hochschule haben wir hier natürlich eine besondere Chance. Mit einer eigenen Informatikabteilung ist die Grundversorgung mit zweckmäßiger IT-Infrastruktur sichergestellt. Sie gewährleistet Betrieb und Wartung, die technische Basis für Datenschutz und Datensicherheit sowie den technischen Support. Ergänzend betreibt die PH Thurgau mit ihrem Digital Learning Lab einen besonderen Schwerpunkt: Die Medienwerkstatt stellt Arbeitsplätze, Geräte und Know-how für Medienprojekte aller Art bereit. Das Angebot steht Studierenden und Mitarbeitenden der PHTG zur Verfügung. Zur Medienwerkstatt gehören beispielsweise ein Fernsehstudio, ein Tonstudio oder ein ‚Selbstfahrstudio’ zur vollautomatischen Aufzeichnung von Lehr-, Erklär- oder Kommunikationsvideos. Das E-Learning-Team betreibt die Lernplattformen und unterstützt bei Konzeption und Realisierung mediengestützter Lernumgebungen. Zudem bietet die PHTG mit einem MakerSpace einen kollaborativen Werk- und Lernraum, in welchem selbst entworfene Projekte mittels analoger und digitaler Technologien realisiert werden. Der MakerSpace stellt eine Lern- und Experimentierumgebung zur Verfügung, in der aktiv geschraubt, gebastelt, gelötet und programmiert wird. Die Nutzer*innen arbeiten mit verschiedenen Materialien (Holz, Karton, Metall, Textilien, …), sie nutzen Werkzeuge (hämmern, sägen, kleben, nähen, ...), sie entwickeln eigene Ideen, kombinieren verschiedene Techniken und stellen daraus eigene Produkte her. Insbesondere werden die herkömmlichen Werkzeuge ergänzt durch digitale (3D-Drucker, Plotter, Scanner, programmierbare Nähmaschine, …). Der MakerSpace bietet damit eine ideale Lernumgebung für hochschul-didaktisches Making. Die Ausstattung der Schulen mit digitalen Endgeräten ist je nach Schulort und Schulstufe unterschiedlich. Insbesondere für die oder in der Primarstufe machen viele Kantone keine Vorgaben. Allerdings kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass alle Schüler*innen für entsprechende Arbeiten auf Schulgeräte zugreifen können. An sehr vielen Schulen der Sekundarstufe 1 ist eine 1:1-Ausstattung mittlerweile selbstverständlich. Ein Vorteil der hohen Autonomie liegt darin, dass Schulen ihre Budgets in lokalen Volksabstimmungen vorlegen müssen. Das bedeutet auch: Die Bürger*innen wissen, dass die Ausstattung den eigenen Kindern im Dorf oder der Stadt zugutekommt. Studierende der Pädagogischen Hochschulen können davon ausgehen, dass sie Unterricht in ‚Medien und Informatik’ auch an ihren künftigen Schulorten umsetzen können. Etwas anders präsentiert sich die Situation bei MakerSpaces. Hier haben vor allem Pionierschulen gut ausgebaute MakerSpaces. Weitere sind allerdings im Aufbau. Finden Jugendliche mit ihren eigenen Medienvorlieben und kreativen Ideen (z. B. Videos, Podcasts, Games, Social Media) Raum, um sich in der Schule zu präsentieren? Schüler*innen der beiden Kreuzlinger Mittelschulen sowie Studierende der PHTG betreiben das Campus-Fernsehen Campus TV. Ursprünglich aus der Initiative von Dozierenden entstanden, werden regelmäßig durch ein Redaktionsteam Magazinsendungen produziert. Das TV-Studio steht aber auch darüber hinaus Schulen sowie Hochschulangehörigen zur Verfügung. Ebenfalls zur Verfügung steht der MakerSpace, der auch außerhalb der einzelnen Module sehr rege für persönliche und schulische Projekte genutzt wird. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Mediennutzung sowie die Medienproduktion haben im deutschschweizer Lehrplan 21 eine große Bedeutung. Schüler*innen sollen in ihrer mündigen Mediennutzung gefördert werden. Dazu gehören ausdrücklich auch Medien, die die Kinder und Jugendlichen in ihrer Freizeit nutzen. Genauso hält der Lehrplan auch fest, dass Schüler*innen eigene Medienbeiträge produzieren können und dabei nicht nur technische Kompetenzen erwerben, sondern auch lernen, Medien zum Ausdruck ihrer eigenen Anliegen zu nutzen. In beiden Bereichen erwarte ich, dass sie künftig im Unterricht eine noch größere Bedeutung haben werden, nachdem der Lehrplan nun in allen deutschschweizer Kantonen und allen Stufen verbindlich eingeführt wurde. Welche Faktoren erleben Sie als besonders hemmend, wenn es um Medienbildung und informatische Bildung im Unterricht geht? (z. B. fehlende Qualifikation, Bereitschaft, Haltung, Ausstattung, zeitliche Rahmen, Datenschutzherausforderungen) Nach meiner Einschätzung sind es tatsächlich verschiedene Faktoren, die sich hemmend auf die Umsetzung von Medienbildung und informatische Bildung auswirken. Für viele Fachlehrpersonen sind Medienbildung und Informatik gewissermaßen zusätzliche Themen. Sie sehen ihren Schwerpunkt naheliegenderweise in ihrem Fachgebiet. Bereits hier ist es herausfordernd, den wissenschaftlichen Stand zu verfolgen und für die Schul- und Unterrichtspraxis jeweils neu aufzubereiten, dabei die Herausforderungen aus dem Schulfeld zu reflektieren, Lehrmittel und Unterrichtsmaterialien zu sichten usw. Dazu kommt, dass Anforderungen aus dem Bereich der Medienbildung und Informatik vielfältig und tiefgreifend sind und sich durch die technologische Entwicklung auch noch rasch ändern. Technische Herausforderungen kommen noch dazu. Ergänzend stehen fachliche Anliegen auch in der beschränkten Unterrichtszeit im Konflikt mit zusätzlichen Anliegen aus dem Bereich Medienbildung und Informatik. Von zentraler Bedeutung ist daher, dass sowohl an den Pädagogischen Hochschulen wie auch an der Volksschule in den letzten Jahren explizite Freiräume für Medienbildung und Informatik geschaffen wurden. Damit sind auch Grundlagen für fachübergreifende Vernetzung gewährleistet. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in Ihrem Schulalltag (z.B. als Lerngegenstand, Tool zur Unterrichtsvorbereitung, Lernassistenz, Lernportfolio, Produktionsunterstützung)? Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie? Dozierende nutzen Künstliche Intelligenz für Textproduktion und -bearbeitung oder die Vorbereitung von Lehrveranstaltungen. In der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen spielen natürlich alle Bereiche eine Rolle: Informatik, um die Funktionsweise der KI zu verstehen und damit Chancen und Risiken einschätzen zu können. KI als Lerngegenstand: Wie funktioniert sie? Wie wird sie trainiert? Wie können wir sie nutzen? Dazu gehören auch ethische, rechtliche, philosophische Fragen wie die Auseinandersetzung mit Herausforderungen von KI für unsere Gesellschaft. Eine besondere Herausforderung sehen wir bei der Frage, wie Lehren und Lernen im Kontext von KI sinnvoll konzipiert und realisiert werden können. Insbesondere mit der Schaffung der Fachstelle Hochschuldidaktik werden solche Fragen vertieft reflektiert. Die Nutzung für adaptive Lernsysteme, zur Individualisierung der Lehre oder zur Erstellung von Tutorials usw. wird interessiert verfolgt, steht derzeit aber noch nicht im Zentrum der Anwendungen. Was war in jüngerer Zeit ein schönes oder überraschendes Erlebnis im Zusammenhang mit Medienbildung an der Schule? Gerade kürzlich war wieder eine Schulklasse bei uns im Haus, die im Rahmen unseres Angebots Schule macht TV ein eigenes TV-Magazin produzierte. Es ist für mich jedes Mal ein sehr schönes Erlebnis, diese Schüler*innen zu erleben, wie sie mit großem Eifer und höchster Konzentration an einem Magazin arbeiten... und wie stolz sie sind, wenn die Sendung dann gelingt. Das Angebot steht Volksschulen offen und verfolgt den didaktischen Ansatz, „Medienkompetenz durch Medienproduktion“ zu fördern.
Fields of Study & Subjects
Education and Digital Technologies
Education and Communication Studies
Digital Education and Society
Publication details
- Journal / source
- merz | medien + erziehung
- Volume
- 70
- Issue
- 1
- Publication date
- 11 February 2026
- Language
- DE