Interview mit Philipp Zimmer zum Thema 'Schule und Digitalisierung'
Abstract
Foto: © Philipp Zimmer Philipp Zimmer ist Schulleiter der Sekundarschule Wigoltingen (Schweiz) und Schulentwickler. Er wirkte maßgebend an der Entwicklung mehrerer Schulkonzepte in der Schweiz mit. Er beschäftigt sich intensiv mit dem digitalen Wandel im Bildungsbereich sowie zeitgemäßen und zukunftsfähigen Lernkulturen und Lernumgebungen. Wie wird an Ihrer Schule mit privaten vs. schulischen Geräten umgegangen? Gibt es klare Regelungen – und wie wirken sich diese im Alltag aus? An unserer Schule hat jede*r Jugendliche ein eigenes Arbeitsgerät. Bis 2021 waren dies noch Tablets. Anschließend haben wir Jahr für Jahr Laptops eingeführt, weil wir diese in vielen Belangen für bessere Arbeitsgeräte halten. Die Schüler*innen erhalten beim Eintritt in die Sekundarschule ein neues Gerät für die drei Schuljahre bei uns. Nach der Schulzeit haben sie die Möglichkeit, das Gerät der Schule zu einem günstigen Preis zu erwerben, um es an der Berufs- oder Mittelschule weiterhin zu nutzen. Da wir ausschließlich cloud- und webbasiert arbeiten, ist ein BYOD (Buy Your Own Device) ebenfalls möglich. Dann ist ein Zugang über das Gäste-WLAN der Schule möglich sowie der Zugriff auf alle Plattformen, die wir zum Lernen nutzen. BYOD wird aber sehr selten in Anspruch genommen. Die Eltern und Jugendlichen schätzen es, dass die Schule ein Gerät stellt. Für welche Zwecke werden digitale Endgeräte im Unterricht hauptsächlich genutzt? (z. B. zum Lernen/Üben/Trainieren, Forschen (Beobachten, Messen, Auswerten, Analysen von Medienprodukten), für kreative Produktionen (z. B. Programmierprojekte, Foto-, Audio- und Videoprojekte), für Informationsrecherche und kritische Informationsverarbeitung, Kommunikation, Dokumentation, Reflexion der Mediennutzung, …) Da sind bei uns eigentlich keine Grenzen gesetzt. Der Laptop dient zum Recherchieren und Forschen sowie zum Verfassen von Texten und zum Üben. Auch das Herstellen eigener Medienprodukte wie Fotos, Filme, Präsentationen oder Hörspiele, aber auch das Komponieren von Liedern, das Gestalten von bildnerischer Kunst und das Programmieren und Kreieren von CAD-Modellen (Computer-Aided Design) im MakerSpace sind Nutzungsbereiche der digitalen Endgeräte. Natürlich nutzen die Jugendlichen auch Künstliche Intelligenz im Unterricht. Wir achten darauf, dass diese sinnvoll, aber auch kritisch eingesetzt wird. Generell haben die Jugendlichen über unsere Lernplattform ESCOLA einen grossen Überblick über alle ihre Lernjobs, Abgabetermine, Prüfungen, Noten sowie ihre Absenzen. Im Unterricht organisieren sich die Lerngruppen dann gerne über die Office 365-Apps und nutzen die bekannten Lernplattfomen der Lehrmittelverlage. Finden Jugendliche mit ihren eigenen Medienvorlieben und kreativen Ideen (z. B. Videos, Podcasts, Games, Social Media) Raum, um sich in der Schule zu präsentieren? Ja, definitiv. Video- und Bildproduktion sind häufiger Bestandteil des Lernalltages sowie auch das Präsentieren von Medien. Podcasts und Hörspiele sind regelmäßige Produkte meist unseres Sprachenunterrichts. Auch Games wie Minecraft sind Bestandteil des Fachunterrichts, wohl eher im Bereich ‚Medien & Informatik’. Social Media ist generell ein Thema, das uns immer wieder beschäftigt, sowohl pädagogisch als auch didaktisch. Im Lernalltag findet es sicherlich immer mal wieder seinen Platz. Die Nutzung von Social Media im Unterricht ist aber, insbesondere aus Gründen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte, immer wieder anspruchsvoll für die Schule. Gibt es Orte/Räume/Menschen, an die sich Schüler*innen mit Fragen und Problemen im Hinblick auf ihre Medienerfahrungen wenden können (safe spaces)? Ja, gewissermaßen schon. Natürlich sind Lehrpersonen und Schulleitung generell gute Ansprechpartner*innen für die Jugendlichen. Eine gute Beziehung zu den Jugendlichen hilft hier sehr. Wir haben auch eine engagierte Schulsozialarbeiterin, welche die Themen präventiv mit den Jugendlichen anschaut, insbesondere Themen wie Cybersicherheit, Cybermobbing sowie den Umgang mit Gruppenchats und Social Media. Da dies keine rechtsfreien Räume sind, arbeiten wir auch präventiv mit der lokalen Jugendpolizei zusammen, die tolle und jugendgerechte Angebote an unsere Schule bringt. Wir haben einen konstruktiven Umgang mit Medien und Geräten und fördern ein Bewusstsein für das eigene Medienverhalten. Dadurch kommen wir bislang sehr gut ohne Verbote und mit nur sehr wenig Kontrolle aus. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in Ihrem Schulalltag (z. B. als Lerngegenstand, Tool zur Unterrichtsvorbereitung, Lernassistenz, Lernportfolio, Produktionsunterstützung)? Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie? Das ist eine umfangreiche Frage. Künstliche Intelligenz ist nicht mehr aus dem Schulalltag wegzudenken. Schule ohne KI wird es nie mehr geben, das ist eine Tatsache. KI ist für uns kein Phänomen, kein Trend und auch kein Fach, sondern Bestandteil unserer Lebensrealität. Wir beschäftigen uns daher auf allen Ebenen intensiv mit diesem Thema - vom Lernen der Jugendlichen über die Effizienzsteigerung in der Schulverwaltung bis hin zur Reinigungsplanung des Hausmeisters. KI unterstützt uns alle und vereinfacht uns den Alltag, wenn wir verstehen, wie wir sie sinnvoll und unterstützend, aber auch kritisch einsetzen. KI an sich ist ein großer Lerngegenstand für die Schule als Ganzes. Für uns alle ist es wichtig zu verstehen, welchen Impact diese Technologie auf unsere Gesellschaft, auf unsere Arbeit, unsere Rollen und auf das Lernen hat. Als Schulleiter nutze ich KI im Grunde täglich, insbesondere bei administrativen Arbeiten, aber auch wenn ich einfach mal einen guten Ratschlag benötige. Einige unserer Lehrpersonen lassen sich von KI bei der Unterrichtsplanung und -vorbereitung sowie in der Administration unterstützen. Auch hier ist die Einhaltung des Datenschutzes oftmals eine Herausforderung für uns, mit der wir sehr behutsam umgehen. Wir haben einen KI-Coach an unserer Schule. Ein junger Lehrer, der sich intensiv mit KI auseinandersetzt, fungiert als Coach für Lehrpersonen und Schüler*innen bei Fragen rund um KI und bringt das Thema aktiv in den Lernalltag. Was die Jugendlichen angeht, ist die Frage sicherlich andersherum: „Was in meinem Lernalltag kann die KI eigentlich nicht leisten?“. Viele Jugendliche haben dies erkannt, vielleicht schon seit es das Internet gibt. Durch die KI ist nun ein ganz neues Level erreicht und es stellen sich immer mehr kritische Sinnfragen an das Schulsystem, an schulische Inhalte, an Beurteilung etc. Ich hoffe, dass uns KI die Notwendigkeit aufzeigt, das heutige Schulsystem kritischer zu hinterfragen und Schule mutiger aus der Komfortzone heraus weiterzuentwickeln. Ich sehe ein Potential, dass Schule weiterhin ein Ort der demokratischen Gemeinschaft bleibt. Ich wünsche mir aber, dass es künftig mehr Spielräume für individualisierte Curricula und Lernwege gibt und die persönlichen Stärken und Interessen der Lernenden dabei im Zentrum stehen.
Fields of Study & Subjects
Education and Communication Studies
Education and Technology Integration
Digital Education and Society
Publication details
- Journal / source
- merz | medien + erziehung
- Volume
- 70
- Issue
- 1
- Publication date
- 11 February 2026
- Language
- DE