Biographische Untersuchungen zu den ersten Studierenden der Zahnmedizin an der neugegründeten Universität Frankfurt am Main 1914 – 191
Abstract
Während es über die Ärzte und Dozenten und über die Baugeschichte des Zahnärztlichen Universitäts-Instituts der Stiftung „Carolinum“ in Frankfurt am Main zahlreiche Publikationen gibt, sind bisher keine Arbeiten über die Studierenden der Zahnmedizin publiziert worden. Dies gilt auch für die meisten anderen Universitäten des deutschen Sprachraumes. Ziel dieser Arbeit war es deshalb, die Biographien der Zahnmedizin Studierenden aus den ersten vier Jahren nach der Universitätsgründung (1914-1918) zu erfassen und auszuwerten in Bezug auf: geographischer Herkunft, soziale Herkunft, Geschlechtsverteilung, und Konfession, Alter bei der Immatrikulation, Promotion, beruflicher Werdegang nach dem zahnärztlichen Staatsexamen, Lebenswege während und nach der NS-Zeit (Entrechtung und Exil; bzw. „Entnazifizierung“ durch Spruchkammerverfahren). In einer retrospektiven medizinhistorischen Studie wurden zu diesem Zweck umfangrei- che handschriftliche und gedruckte Quellen erstmals systematisch ausgewertet: Immatrikulationsverzeichnisse der Universität und der medizinischen Fakultät in Frankfurt am Main, Standesamtsregister, Adressbücher, Promotionsakten, Spruchkammerakten, Wiedergutmachungsanträge, Zeitungsanzeigen. Auf diese Weise konnten die Biographien dieser Studierenden erfasst und ausgewertet werden. Insgesamt konnten 66 Studierende der Zahnmedizin in den Jahren 1914-1918 an der Frankfurter Universität ermittelt werden. Das Durchschnittsalter der als Erstsemester an der Universität Frankfurt immatrikulierten Studierenden (n= 20) betrug bei den Studentinnen und den Studenten jeweils 20 Jahre. 61% der Studierenden stammte aus dem Königreich Preußen, davon wiederum die Hälfte (55%) aus der Provinz Hessen-Nassau, zu der auch Frankfurt am Main gehörte (Hauptstadt: Wiesbaden). 17 Studierende (26%) stammten aus dem benachbarten Großherzogtum Hessen (Hauptstadt: Darmstadt). Nur 5 Studierende (6%) stammten aus anderen deutschen Staaten (Königreich Bayern, Reichsland Elsass-Lothringen), weitere 5 Studierende kamen trotz des Weltkrieges aus dem Ausland (Luxemburg, Russland, Schweiz). 36% der Studierenden absolvierten ein Doppelstudium (Zahnmedizin und Medizin). Der Anteil evangelischer Christen an den Studierenden betrug 44%, 29% waren katholischer Konfession und 26% waren jüdischer Religion. Dieser relativ hohe Anteil jüdischer Studierender (und auch der jüdischen Professo- ren) lag deutlich über dem der Bevölkerung in Preußen (1% „Israeliten“ in der Volkszählung von 1910 in Preußen; in der Provinz Hessen-Nassau 2,3 %; 1925 in Frankfurt am Main 6%). Als Schulabschluss konnten 49% der Studierenden einen Gymnasialabschluss nachweisen, 27% den Abschluss einer Oberrealschule und 23% den eines Realgymnasiums. Männliche Studenten hatten zu 84% einen Gymnasialabschluss, die meisten Studentinnen hatten ein Realgymnasium (53%) besucht. Der Anteil weiblicher Studierender betrug 21%. Der Beruf des Vaters gibt uns Hinweise auf die soziale Herkunft der Zahnmedizinstudierenden: 20% gaben als Beruf „Kaufmann“ an, an zweiter Stelle folgten „Lehrer“ (9%). Bemerkenswerterweise gehörten die Eltern der Zahnmedizinstudierenden keiner adligen Familie an und deren Väter waren auch keine Offiziere (diese sind aber unter den Medizinstudierenden nachweisbar). Die zukünftigen Zahnärzte rekrutierten sich damals also nicht aus den seinerzeit höchsten sozialen Schichten, sondern aus dem „mittleren“ Bürgertum. Nachweislich 80% der Studierenden schlossen ihr Studium ab, zwei Studierende verstarben während des Studiums als Soldaten im I. Weltkrieg, zwei Personen nahmen später eine andere berufliche Tätigkeit auf (als Kaufmann bzw. Bankbeamter). Von den 66 Studierenden promovierten 68%, fast zwei Drittel davon an der Universität Frankfurt. Erst ab 1920 war in Frankfurt eine Promotion zum Dr. med. dent. möglich (im Deutschen Reich erst 1919 gesetzlich erlaubt). Von den insgesamt 52 männlichen Studierenden nahmen 83% nachweislich am Kriege teil. 93% der Absolventen nahmen anschließend eine zahnärztliche Tätigkeit in einer eigenen Praxis auf: besonders häu- fig im heutigen Hessen, fünf Studierende praktizierten später als Ärzte. Nur bei einer Ärztin konnte das Ausbleiben einer Tätigkeit als Zahnärztin bzw. Ärztin nachgewiesen werden. Keiner dieser Studierenden habilitierte sich später oder wurde Hochschullehrer. Von den insgesamt 17 jüdischen Studierenden konnte bei 77% eine Emigration zwischen 1933 und 1939 nachgewiesen werden, nur die Zahnärztin Frieda Katz geb. Pranger (1894- 1953) wanderte schon in den frühen zwanziger Jahren nach Südafrika aus. Emigrationsziele waren während der NS-Zeit England (n=4), Palästina (n=3), Indien, Niederlande, Uruguay und die USA (jeweils n=1). Bei drei dieser Studierenden (Gertrud Mainz, Ernst Mayer, Fritz Rothschild) konnte das weitere Schicksal noch nicht ermittelt werden. Von den 41 nichtjüdischen Studierenden der Zahnmedizin an der Universität Frankfurt 1914-1918 konnten bei 21 eine Spruchkammerakte („Entnazifizierungsverfahren“) ermittelt werden (20 Männer und eine Frau, die später aber als vom Gesetz nicht betroffen erklärt wurde). Unter den 20 Männern waren 14 Mitglieder der NSDAP, 12 im NS-Ärztebund, 5 in der SA und 2 SS. 57% wurden im Spruchkammerverfahren 1946/47 als „Minderbelastete“ oder „Mitläufer“ eingestuft, niemand als „Hauptbelastete“ oder „Belastete“. Hinter diesen nüchternen Daten verbergen sich aber Lebensschicksale, die ausführlich dargestellt werden: beispielsweise die Biographie des Frankfurter jüdischen Zahnarztes Dr. med. dent. Josef Spier (1893-1971; Immatrikulation 1915), der 1935 ins Exil nach Palästina ging und der Lebensweg des Hanauer Zahnarztes Dr. med. dent. Caspary (1896- 1985, Immatrikulation 1918), der zunächst NSDAP-Funktionsträger war, aber später 1938 von allen Parteiämtern entbunden wurde. Künftige biographische Forschungen müssen klären, ob und ggf. warum sich die erhobenen biographischen Daten von denen der Zahnmedizinstudierenden aus anderen Zeitabschnitten der Frankfurter Universität oder anderer Universitäten unterscheiden.
Fields of Study & Subjects
History of Science and Medicine
History of Medical Practice
Biographical and Historical Analysis
Publication details
- Publication date
- 1 January 2026
- Language
- DE
- Document type
- Thesis