Prävention als strategisches Narrativ? Über welche Präventionsaktivitäten Schweizer Versicherer berichten
Abstract
Prävention gewinnt für Versicherer zunehmend an strategischer Bedeutung. Sie setzt dort an, wo Risiken entstehen, und ergänzt die klassische Rolle der Schadenfinanzierung um Elemente der Schadenvermeidung und -reduktion. Als Risikoexpertinnen und -experten verfügen Versicherer über spezifische Expertise, Daten, Infrastruktur und Ressourcen, um präventiv zu wirken zum Nutzen von Kundinnen und Kunden, Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt. Die vorliegende Studie untersucht, wie Prävention im Schweizer Versicherungsmarkt aktuell kommuniziert und strategisch eingeordnet wird. Die Studie basiert auf einer Analyse von Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichten der grössten Schweizer Versicherer. Untersucht wurde, wie präventionsnahe Aktivitäten thematisiert werden. Im Fokus stand nicht die Bewertung der Wirksamkeit einzelner Massnahmen oder eine vollständige Erfassung aller Aktivitäten, sondern die kommunikative und strategische Verortung von Prävention in der Berichterstattung. Die Analyse der Berichte zeigt, wie Versicherer präventiv wirken, sei es über Produktlösungen, Dienstleistungen und Risikoberatung, Schaden- und Leistungsmanagement oder durch gesellschaftliches Engagement. Bei Produktlösungen geht es vor allem darum, über Anreize wie Bonusprogramme, Selbstbehaltsreduktionen, Zusatzleistungen oder präventive Module zu sicherem, gesundem oder risikobewusstem Verhalten zu motivieren. Dienstleistungen und Beratungsangebote wirken präventiv durch die Erhöhung von Risikotransparenz sowie die Stärkung individueller und organisationaler Entscheidungs- und Handlungskompetenz, etwa durch Gesundheitsberatung, Coaching, Risk Engineering oder Cyberberatung. Im Schaden- und Leistungsmanagement werden Schadenereignisse als Lern- und Interventionsmomente genutzt, um bei Reparatur oder Wiederaufbau die Sicherheit zu erhöhen oder durch Beratung zu risikoorientierterem Verhalten zu verhelfen. Gesellschaftliches Engagement trägt zur Prävention bei, indem Versicherer Risikobewusstsein und Wissen fördern, etwa durch Bildungskampagnen zu Financial Literacy, Aufklärung und Sensibilisierung zu ausgewählten Risiken, Forschungsförderung sowie durch vorbildliche risikobewusste Geschäftspraktik. Die Ergebnisse lassen unterschiedliche, strategische Logiken von Prävention erkennen. Prävention wird als Effizienz-, Differenzierungs-, Markterhaltungs- oder Legitimitätsstrategie sichtbar. Durch die systematische Analyse und thematische Clusterung präventionsnaher Aktivitäten wird deutlich, wie Versicherer präventiv wirken, auch wenn sie dies nicht klar als Strategie kommunizieren. Gleichzeitig deutet die Analyse darauf hin, dass zahlreiche präventive Aktivitäten im Markt vorhanden sind, in der Berichterstattung jedoch nicht oder nur selektiv sichtbar werden. Mögliche Gründe hierfür sind ein geringer Neuheitswert, eine als begrenzt eingeschätzte Relevanz für adressierte Stakeholder oder bewusste strategische Zurückhaltung. Die Ergebnisse legen nahe, dass Prävention im Versicherungsmarkt operativ vielfältig umgesetzt wird, strategisch jedoch implizit bleibt. Krankenversicherer positionieren sich klarer als Gesundheitsförderer, während die strategische Ausrichtung von Prävention bei Sachversicherern nur ansatzweise erkennbar ist.
Fields of Study & Subjects
Insurance and Financial Risk Management
Public Relations and Crisis Communication
Corporate Social Responsibility Reporting
Publication details
- Journal / source
- Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften digital collection (Zurich University of Applied Sciences)
- Publication date
- 1 January 2026
- Language
- DE