Prokrastination bei der Nachlassplanung

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Authors: Michaela Tanner, Roland Hofmann
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Abstract

Die Nachlassplanung ist ein zentrales Element der privaten Finanzplanung, wird jedoch von vielen potenziellen Erblassenden trotz hoher wahrgenommener Relevanz über Jahre hinweg aufgeschoben. Dieses Forschungsprojekt untersucht die Ursachen und Mechanismen der Prokrastination in der Nachlassplanung und entwickelt Erklärungsansätze sowie Ansatzpunkte für wirksame Interventionen in der Beratungspraxis. Ziel ist es, besser zu verstehen, weshalb Personen die Nachlassplanung aufschieben, und wie sie insbesondere in den Phasen des Planens und Handelns unterstützt werden können. Theoretisch stützt sich die Studie auf psychologische Modelle der Handlungsregulation und Motivation. Die gewählten Modelle (Rubikon-Modell, Mood-Repair-Hypothesis und Temporal Motivation Theory) werden auf den spezifischen Kontext der Nachlassplanung übertragen, der durch hohe emotionale Belastung, rechtliche Komplexität und zeitlich weit entfernte Nutzenwirkungen gekennzeichnet ist. Methodisch kombiniert das Projekt qualitative und quantitative Ansätze. In einer qualitativen Vorstudie wurden halbstandardisierte Interviews mit Finanzplanerinnen und -planern, juristischen Fachpersonen sowie potenziellen Erblassenden durchgeführt, um praxisnahe Einblicke in typische Aufschubmechanismen zu gewinnen. Darauf aufbauend erfolgte eine repräsentative quantitative Befragung von über 1’000 Personen ab 40 Jahren in der Schweiz. Neben etablierten Prokrastinationsskalen wurden speziell auf die Nachlassplanung zugeschnittene Befragungsinstrumente eingesetzt. Die Ergebnisse zeigen, dass Prokrastination besonders häufig bei der Definition von Vererbungszielen sowie bei der Suche nach fachlicher Unterstützung auftritt. Obwohl die grosse Mehrheit der Befragten die Regelung des Nachlasses als wichtig erachtet, fehlt oft der wahrgenommene Zeitdruck. Ereignisse mit klaren zeitlichen Bezugspunkten – wie Pensionierung oder Immobilienerwerb – wirken deutlich handlungsfördernder als Auslöser wie Todesfälle im Umfeld. Zudem zeigt sich, dass Vertrauen in Expertinnen und Experten grundsätzlich hoch ist, der Zugang zu geeigneter Beratung jedoch als Hürde wahrgenommen wird. Die Studie legt nahe, dass Wissen zur Nachlassplanung, Beratung und Umsetzung sich gegenseitig verstärken. Insgesamt leistet das Projekt einen empirisch fundierten Beitrag zum Verständnis von Prokrastination in einem gesellschaftlich und volkswirtschaftlich bedeutenden Handlungsfeld. Die Ergebnisse liefern konkrete Ansatzpunkte für die Ausgestaltung von Beratungsprozessen, um Erblassende früher, zielgerichteter und nachhaltiger bei der Nachlassplanung zu unterstützen. Die Informations- und Beratungsprozesse müssen nicht nur auf die Unterstützung bei Planung und Umsetzung ausgerichtet sein, sondern auch gezielt jene Personen erreichen, die sich noch nicht mit den Handlungsmöglichkeiten und Risiken der gesetzlichen Nachlassstandardlösung auseinandergesetzt haben. Darüber hinaus ist es aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive erforderlich, bei allen Schweizerinnen und Schweizern neben dem Bewusstsein für die finanzielle Nachlassplanung auch das Wissen und die Sensibilisierung für den Vorsorgeauftrag systematisch zu stärken.

Fields of Study & Subjects

Decision-Making and Behavioral Economics Financial Literacy Pension Retirement Analysis Family and Matrimonial Law

Publication details

Journal / source
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften digital collection (Zurich University of Applied Sciences)
Publication date
1 January 2026
Language
DE