Die Entstehung der EU-Verordnung zur Vermeidung von Entwaldung (EUDR) aus der EU-Holzhandelsverordnung (EUTR) im Rahmen einer historisch-materialistischen Policy-Analyse
Abstract
Diese Masterarbeit untersucht die Frage, wie unterschiedliche Interessen von Akteursgruppen im Policy-Prozess zur EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) artikuliert und durchgesetzt wurden. Ziel ist es, die Entstehung und Umsetzung der EUDR aus einer historisch-materialistischen Policy-Perspektive (HMPA) zu analysieren und die damit verbundenen Machtverhältnisse, Interessenlagen und hegemonialen Strategien sichtbar zu machen. Auf Grundlage eines Mixed-Methods-Ansatzes wurden qualitative Daten aus Experteninterviews, Stellungnahmen zivilgesellschaftlicher Akteure sowie relevante Policy-Dokumente der EU analysiert. Ergänzend erfolgte eine Auswertung sekundärstatistischer Daten (z. B. Statistik Austria, BIBB, OECD), um strukturelle Rahmenbedingungen und sozioökonomische Einflussfaktoren zu erfassen. Die Ergebnisse zeigen, dass der EUDR-Prozess von einer selektiven Interessenrepräsentation geprägt war: Während wirtschaftlich starke Akteursgruppen mit direktem Zugang zu den Institutionen der EU erheblichen Einfluss auf die Ausgestaltung der Verordnung ausüben konnten, blieben kritische Stimmen aus dem Globalen Süden, insbesondere von kleinbäuerlichen Produzent:innen, marginalisiert. Die Analyse weist darauf hin, dass die EUDR, trotz ambitionierter Ziele in Bezug auf Entwaldung und Nachhaltigkeit, hegemoniale Züge trägt, da sie bestehende Machtasymmetrien in globalen Wertschöpfungsketten reproduziert und postkoloniale Strukturen weitgehend unberührt lässt. Die Analyse zeigt drei zentrale Befunde: Erstens wurde die Ausgestaltung der EUDR maßgeblich von Akteursgruppen geprägt, die über institutionellen Zugang, Ressourcen zur Compliance und technische Infrastruktur verfügten, während insbesondere kleinstrukturierte Akteure sowie Produzent:innen aus dem Globalen Süden nur eingeschränkt in die frühen Konsultations- und Entscheidungsprozesse eingebunden waren. Zweitens entfaltet die EUDR ihre Wirkung räumlich und sektoral selektiv: In Lieferketten mit hoher EU-Nachfragemacht und bestehender Kontrollinfrastruktur lassen sich Anpassungsprozesse beobachten, während in Bereichen mit geringer Marktmacht der EU vor allem Umlenkungs- und Ausweichreaktionen dominieren. Drittens weist der Policy-Prozess strukturelle Kontinuitäten zur EUTR auf, insbesondere hinsichtlich der Verlagerung von Umsetzungs- und Nachweispflichten auf Marktakteure und der begrenzten Berücksichtigung sozialer und verteilungspolitischer Effekte. Die Arbeit leistet einen Beitrag zur kritischen Policy-Forschung, indem sie zeigt, wie regulatorische Prozesse im Rahmen globaler Umweltpolitik nicht nur durch technokratische Rationalität, sondern wesentlich durch sozioökonomische Machtverhältnisse und Interessenpolitik geprägt sind. Zukünftige Studien sollten verstärkt Perspektiven aus betroffenen Regionen im Globalen Süden einbeziehen und die konkrete Umsetzung und Wirkung der EUDR ab dem Jahr 2025 systematisch evaluieren.
Fields of Study & Subjects
European Union Policy and Governance
Global trade
sustainability
and social impact
Conservation
Biodiversity
and Resource Management
Publication details
- Journal / source
- University of Vienna
- Publication date
- 1 January 2026
- Language
- DE
- Document type
- Thesis