Das Zeige-/Ringfingerverhältnis (2D:4D) bei sexuell differenzierten Merkmalen - Eine systematische Aufarbeitung und Ergänzung der Forschungslage zu den mit 2D:4D assoziierten Merkmalen Substanzkonsum, Transidentität und Alzheimer

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Authors: Eva-Maria Siegmann
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Abstract

Die pränatale, intrauterine Exposition gegenüber Sexualhormonen wird in vielen Studien mit Veränderungen in der Hirnfunktion oder der Entwicklung bestimmter Verhaltensweisen asso-ziiert. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der vorgeburtlichen Androgenexposition, die eine Maskulinisierung des Gehirns bei allen Geschlechtern bedingen soll. Da direkte Messverfah-ren der Androgenkonzentration im Mutterleib sowohl starken, unvorhersehbaren Tages-schwankungen als auch einer großen ethischen Verantwortung unterliegen, werden indirekte Marker wie die anogenitale Distanz oder das Zeige-Ringfinger-Verhältnis (2nd to 4th digit ratio, 2D:4D) zur retrospektiven Beurteilung herangezogen. Diese Marker unterliegen einigen Kont-roversen, wie gut sie die intrauterine Androgenexposition widerspiegeln, werden gleichzeitig aber auch durch Forschungsergebnisse bei Personen mit adrenogenitalen Störungen oder durch tierexperimentelle Studien gestützt. Die aktuelle Studienlage legt nahe, dass eine höhe-re intrauterine Androgenexposition ein kleines 2D:4D und eine niedrigere intrauterine Andro-genexposition ein hohes 2D:4D nach sich ziehen, weshalb bei Männern im Durchschnitt ein kleineres 2D:4D als bei Frauen berichtet wird. In vielen Einzelstudien finden sich Zusammen-hänge kleiner bis mittlerer Effektstärken zwischen 2D:4D und sexuell differenzierten Merk-malen, zum Beispiel mit Autismus-Spektrum-Störungen, süchtigem Verhalten, der körperli-chen Fitness, Aggressivität, einer Alzheimererkrankung oder Transidentität. Diese Befunde sind allerdings nicht immer replizierbar, was eine systematische Aufarbeitung des Themenbe-reichs notwendig macht. In der ersten Studie wird in einer systematischen Review und Meta-Analyse über 18 Studien hinweg mit insgesamt 175.955 Teilnehmenden der Zusammenhang zwischen 2D:4D und ver-schiedenen Ausprägungen süchtigen Verhaltens beleuchtet. Es zeigt sich, dass das 2D:4D von Männern mit auffälligem substanz- oder verhaltensbezogenem Suchtverhalten signifikant kleiner ist als das der Kontrollprobanden. Dieser Unterschied wird besonders deutlich bei Männern mit einer diagnostizierten Suchterkrankung und ist am stärksten ausgeprägt bei al-koholabhängigen Männern (verglichen mit anderen Substanzen oder verhaltensbezogenen Süchten). In der weiblichen Kohorte waren keine signifikanten Unterschiede feststellbar. Die Analyse liefert also Hinweise auf eine stärkere pränatale Androgenexposition bei süchtigen Männern. Die zweite Studie fokussiert sich auf eine mögliche Assoziation von Transidentität mit 2D:4D, wozu es zum Zeitpunkt der Studiendurchführung uneindeutige Ergebnisse gab. In dieser bis dahin größten durchgeführten Fall-Kontroll-Studie (n = 464) wird das 2D:4D von Männern mit dem von trans Frauen beziehungsweise das 2D:4D von Frauen mit dem von trans Männern verglichen. Die Ergebnisse werden ergänzt durch eine systematische Review und Meta-Analyse zur gleichen Fragestellung, die 17 Studien mit insgesamt 3674 Teilnehmenden um-fasst. Es zeigt sich in beiden Analysen ein signifikant größeres, also feminisiertes, 2D:4D für trans Frauen verglichen mit Männern, während für den Vergleich von trans Männern mit Frauen keine Unterschiede im 2D:4D gefunden werden. Auch die Alzheimererkrankung ist insofern sexuell differenziert, als Frauen im Schnitt doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Während es als gesichert gilt, dass die Östrogen- und Androgenkonzentrationen im Erwachsenenalter Einfluss auf die Entwicklung einer Alzhei-mererkrankung haben, ist die Rolle von pränatalen Hormonexpositionen noch unklar. In der dritten Studie werden deshalb geschlechtsspezifische Unterschiede im 2D:4D zwischen Per-sonen mit Alzheimer und verschiedenen Kontrollpopulationen untersucht sowie ein möglicher Zusammenhang des Schweregrads der Alzheimer-Symptome mit 2D:4D exploriert. Dabei zeigen sich keine signifikanten Ergebnisse und es lassen sich keine Rückschlüsse auf die Rolle von pränatalen Hormonen bei Alzheimererkrankungen ziehen. Allen querschnittlichen Studien zu 2D:4D im Erwachsenenalter ist gemein, dass sie nur retro-spektive Schlüsse auf die vorgeburtliche Zeit zulassen. Zusätzlich ist es aus ethischen und praktischen Gründen nicht möglich, die intrauterine Androgenexposition während der Schwangerschaft gezielt zu manipulieren, um direkte Effekte auf 2D:4D zu beobachten. Al-lerdings hat sich gezeigt, dass Schwangere mit hohem Stresslevel Kinder mit kleinerem 2D:4D zur Welt bringen, und Stress somit ein Moderator der pränatalen Androgenlast sein kann. Deshalb zielt die vierte Studie, eine längsschnittliche, randomisiert-kontrollierte Pilotstu-die, darauf ab, das Stresserleben schwangerer Frauen durch Achtsamkeitsinterventionen zu reduzieren (Interventionsgruppe) und in einem zweiten Schritt das 2D:4D der geborenen Kin-der ein Jahr später mit dem 2D:4D der Kinder der Kontrollgruppe zu vergleichen. Hierbei zeigt sich kein Unterschied im 2D:4D der Kinder, ein Einfluss der Achtsamkeitsintervention auf die pränatalen Hormone kann nicht nachgewiesen werden. Zusammenfassend untersucht diese Dissertation verschiedene sexuell differenzierte, mit 2D:4D assoziierte Merkmale auf systematische Art und Weise und trägt dadurch zur Aufar-beitung der teils widersprüchlichen Forschungsbefunde in diesem Themenfeld bei. Zusätzlich wird in einem prospektivem Studiendesign versucht, das 2D:4D von ungeborenen Kindern so direkt wie möglich (über den Moderator Stresserleben der Mutter) zu beeinflussen, was ein präventiver Ansatzpunkt sein kann, um mit 2D:4D assoziierte Erkrankungen zu reduzieren. Schwierigkeiten in der Umsetzung der prospektiven Studie geben Hinweise für zukünftige Präventionsstudien, um deren Erfolgsaussichten zu verbessern.

Fields of Study & Subjects

Sexual Differentiation and Disorders Effects and risks of endocrine disrupting chemicals Prenatal Substance Exposure Effects

Publication details

Publication date
1 January 2026
Language
DE
Document type
Thesis