Das Unsagbare
Abstract
Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten und Hemmungen vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, über Rassismus und race zu sprechen. Nach 1945 wurde – insbesondere auch durch die UNESCO-Statements zu race – die Annahme eines biologischen Fundaments für die Existenz menschlicher »Rassen« klar abgelehnt. Ich argumentiere, dass mit der Absage an den biologisch aufgeladenen »Rasse«-Begriff auch ein Wandel in der Sprache hin zu Ersatzbegriffen wie ›Ausländer‹ und ›Migrationshintergrund‹ stattgefunden hat. Ein Rückblick auf die Konstruktion von »Rasse« verdeutlicht jedoch, dass es in den tieferliegenden Strukturen keine scharfe Trennlinie vor und nach dem Nationalsozialismus gibt. Für meine von einem diskursanalytischen Verständnis geleitete Untersuchung beschäftige ich mich exemplarisch mit der Forschung zu sog. »Mischlingen« des Direktors des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, Eugen Fischer, sowie der ebenfalls renommierten NS-Wissenschaftler Wolfgang Abel und Ernst Rodenwaldt. »Rasse« wurde bereits vor 1945 nicht ausschließlich biologisch, sondern auch sozial und kulturell konstruiert. Ebenso findet Rassismus heute nicht nur in Kulturalismen seinen Ausdruck, sondern race und ›Ethnie‹ spielen auch in aktueller Genforschung eine Rolle. Daraus folgere ich einen grundlegenden Trugschluss des deutschen Diskurses, das Vermeiden essenzialisierender Begriffe vermeide auch die Reproduktion rassistischer Denkmuster. Vielmehr führt das Nicht-Sprechen über race dazu, rassistische Strukturen zu verschleiern, anstatt sie aufzubrechen.
Fields of Study & Subjects
Race
Genetics
and Society
Medical History and Research
German Social Sciences and History
Publication details
- Journal / source
- psychosozial
- Volume
- 49
- Issue
- 1
- Pages
- 9–23
- Publication date
- 1 March 2026
- Language
- DE