Was denken die »Nachbarn«?
Abstract
Der vorliegende Text untersucht die Dynamik der »Nachbarschafts-Mentalität« im Wandel der Zeit und ihre Relevanz für gesellschaftliche und therapeutische Prozesse. Historisch betrachtet diente die Frage »Was denken die Nachbarn?« im Nachkriegsdeutschland als primärer psychologischer Regulator, um kollektive Traumata und Schuld durch soziale Konformität zu verdrängen. Diese Mentalität, die eine Störung der Gruppenmatrix und die Entstehung eines sozialen Unbewussten begünstigte, war eine defensive Form der Mentalisierung. Im Gegensatz dazu hat sich die heutige Bedeutung der Frage gewandelt. In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft, die durch digitale Filterblasen und Echokammern fragmentiert ist, wird der Dialog mit Andersdenkenden als existenzielle Notwendigkeit betrachtet. Der Text beleuchtet, wie Metaphern wie die »Brandmauer« eine weitere Abschottung fördern, während das Bild des »Gesprächs über den Gartenzaun« für einen notwendigen interdisziplinären Austausch steht. Aus gruppenanalytischer Sicht wird argumentiert, dass die Disziplin sich öffnen muss, um die Herausforderungen der modernen Welt zu verstehen und das Miteinander therapeutisch zu fördern.
Fields of Study & Subjects
Psychoanalysis and Psychopathology Research
Psychoanalysis and Social Critique
Cultural
Psychoanalytic
and Sociopolitical Reflections
Publication details
- Journal / source
- Gruppenanalyse
- Volume
- 36
- Issue
- 1
- Pages
- 9–16
- Publication date
- 1 February 2026
- Language
- DE