9 Körperdissoziation als Traumafolge

View at publisher
Authors: Mathias Hirsch
Cited by: 0

Abstract

Der Differenzierung des Korper-Selbst (neben den Objekten der Ausenwelt) aus einem ungetrennten psychosomatischen Gesamtselbst folgt eine Integration in die Reprasentanz des Selbst. Fruhe Traumata durften bereits diese Integration storen; spatere, sich auf die fruhen aufpfropfende Traumata fuhren haufig zu Dissoziationen des Korper-Selbst als einer Form der vielen posttraumatischen Dissoziationsphanomene. Durch die Dissoziation wird der eigene Korper wie ein auseres Objekt verwendbar, er kann sowohl bose wie gute Mutterobjekte reprasentieren als auch fur das traumatisierte Kind stehen. Der Zweck der sowohl peri- wie posttraumatischen Dissoziation ist die Lokalisierung der traumatischen Gewalt, die in das Selbst eindringt (traumatisches Introjekt), in den abgespaltenen Korper, sodass das Gesamtselbst uberlebt, weil der Korper geopfert wird. Wahrscheinlich entsprechen verschiedenen Zeitpunkten und Formen der Traumatisierung verschiedene Symptomenkomplexe: Psychosomatik, Konversion, Selbstbeschadigungsagieren, Hypochondrie. Heute ist eine Verschiebung der Korpersymptomatik von der Hysterie hin zu zeitgenossischen Formen des Korperagierens wie Selbstbeschadigung und Ess-Storungen zu beobachten, die anknupfen an seit Menschengedenken existierende, gesellschaftskonforme Formen der Korpermanipulation; auch nicht pathologische Praktiken der zeitgenossischen Jugendlichen wie Piercing und Tatowierungen (Zeichen der Rebellion) gehen parallel. Alle diese Korperveranderungen sichern die Identitat oder sollen es wenigstens: bei den »Naturvolkern« in gesichertem gesellschaftlichem Rahmen, bei den Adoleszenten vorubergehend als Gegen-Identitat und im pathologischen Fall als eine das Ich stabilisierende Notmasnahme.

Fields of Study & Subjects

Psychoanalysis and Social Critique Psychology Coaching and Therapy German Literature and Culture Studies

Publication details

Journal / source
Psychosozial-Verlag eBooks
Publisher
Psychosozial-Verlag
Volume
64
Issue
3
Pages
111–120
Publication date
1 January 2026
Language
DE
Document type
Book chapter