An der Schnittstelle zwischen Ost und West – Dmitrij Kapitelmans literarische Reflektionen und textexterne Positionierungen im Kontext von East- und Westsplaining
Abstract
Seit seinem Debüt Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters (2016) hat der Autor Dmitrij Kapitelman in der Öffentlichkeit die Rolle eines politisch engagierten Intellektuellen und kulturellen Vermittlers.Als Kontingentflüchtling ukrainisch-jüdischer Herkunft bringt er sich aktuell insbesondere zu dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine diskursiv ein: mit seinen autofiktionalen Büchern Eine Formalie in Kiew (2021) und Russische Spezialiäten (2025) sowie mit außerliterarischen Stellungnahmen.Der Aufsatz untersucht auf der Grundlage von Pierre Bourdieus Theorie des literarischen Feldes und Wiebke Sievers' Überlegungen zu strukturellen Ausgrenzungsmechanismen migrantischer Autoren, wie sich Kapitelman im Kontext von East-und Westsplaining als Akteur im deutschsprachigen Literaturbetrieb positioniert.Die Analyse zeigt, dass er einerseits thematische und stilistische Erwartungen an einen Autor mit Migrationsbiographie bedient.Andererseits reflektiert und dekonstruiert er mit seinen Texten, seiner Autorschaftsinszenierung und seiner Biografie vereinfachende Kategorien wie Ost und West oder eigen und fremd.Sein Wirken verdeutlicht vielmehr die Komplexität postsowjetischer Identitäten, die durch widersprüchliche Zugehörigkeiten und Generationenkonflikte geprägt sind.Kapitelmans Positionierung zeigt so exemplarisch die Grenzen bipolarer Beschreibungsmuster auf und verweist darauf, dass im Kontext von transnationalen Lebensrealitäten differenziertere Deutungsansätze erforderlich sein können.Since his debut Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters (2016), author Dmitrij Kapitelman has assumed a public role as a politically engaged intellectual and cultural mediator.A quota refugee of Ukrainian-Jewish descent, he currently contributes to public discourse on Russia's war of aggression against Ukraine -through his autofictional works Eine Formalie in Kiew (2021) and Russische Spezialitäten (2025), as well as through interventions beyond the literary sphere.Drawing on Pierre Bourdieu's theory of the literary field and Wiebke Sievers's reflections on structural exclusion mechanisms affecting migrant writers, this article explores how Kapitelman positions himself within the German-language literary field in relation to the dynamics of East-and Westsplaining.The analysis shows that, on the one hand, he meets thematic and stylistic expectations often placed on authors with migration backgrounds.On the other hand, through his writing, his self-fashioning as an author, and his biography, he reflects on and deconstructs reductive categories such as East and West, or self and other.His work, rather, underscores the complexity of post-Soviet identities, shaped by contradictory affiliations and generational tensions.Kapitelman's positioning thus exemplifies the limitations of binary interpretive frameworks and suggests that, in the context of transnational life realities, more nuanced analytical perspectives are needed.
Fields of Study & Subjects
German Literature and Culture Studies
German legal
social
and political studies
Comparative and World Literature
Publication details
- Journal / source
- Schnittstelle Germanistik
- Volume
- 5
- Issue
- 2
- Pages
- 145–171
- Publication date
- 1 January 2026