Medizinische Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen in Deutschland. Qualitative Studie zu Erfahrungen von Menschen mit vorbestehenden Behinderungen mit dem Prozess der medizinischen Rehabilitation

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Authors: Stefanie Gillitzer
Cited by: 1

Abstract

**Hintergrund:** Menschen mit Behinderungen sind im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung stärker von gesundheitlicher Ungleichheit betroffen. Sie haben einen schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung, einen schlechtere Gesundheit sowie ein erhöhtes Risiko für Multimorbidität und chronische, schwere oder psychische Erkrankungen. Daraus kann sich ein höherer Bedarf an medizinischer Rehabilitation ergeben. Trotz des hohen Potenzials medizinischer Rehabilitation für diese Zielgruppe, gibt es bislang nur wenige Studien, die sich explizit mit dieser befassen. **Zielsetzung:** Der vorliegenden Dissertation liegt die Frage zugrunde, wie sich der Prozess der medizinischen Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen gestaltet. Aus Versorgungserfahrungen der Zielgruppe sowie Prozessbeteiligter werden Handlungsfelder sowie zentrale Herausforderungen innerhalb der medizinischen Rehabilitation identifiziert. Zudem wird analysiert, an welchen Stellen die Versorgung durch medizinische Rehabilitation bereits erfolgreich ist. Darauf basierend werden Implikationen für Forschung und Praxis abgeleitet. **Methodik:** Es liegt ein exploratives, qualitatives Forschungsdesign zugrunde. In leitfadengestützten Interviews mit narrativem Ansatz wurden Erfahrungen von Rehabilitand*innen (n= 13) erfasst. Eingeschlossen wurden Menschen, die mit einer Behinderung leben und aufgrund eines weiteren Gesundheitsproblems eine Rehabilitation in Anspruch nahmen. Ergänzend wurden teilstrukturierte Expert*inneninterviews mit Prozessbeteiligten (z. B. An- und Zugehörige, Sozialarbeitende, Mediziner*innen) (n= 16) geführt. Das Sampling erfolgte iterativ und nach dem Maximum Variation Sampling. Alle Interviews aufgenommen, transkribiert, pseudonymisiert und mit der strukturierenden Inhaltsanalyse ausgewertet. **Ergebnisse:** Positive Erfahrungen zeigen, dass die medizinische Rehabilitation die Funktionsfähigkeit, Teilhabe und Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen verbessern kann. Gleichzeitig offenbaren die Interviews vielfältige Barrieren entlang aller Prozessschritte, die eine Inanspruchnahme und Zielerreichung erschweren. Bereits der Zugang ist herausfordernd, da die Rehabilitationsfähigkeit und der Nutzen von Rehabilitation oft in Frage gestellt werden. Das Antragsverfahren wird – insbesondere von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und mehreren rehabilitationsrelevanten Diagnosen – als komplex wahrgenommen. Es besteht eine hohe Abhängigkeit von Prozessbeteiligten. Während der Rehabilitation bestehen vor allem für Personen mit komplexen oder kognitiven Behinderungen, Mehrfacherkrankungen sowie Pflege- oder Assistenzbedarf zusätzliche Hürden. Zudem erfolgt keine adäquate, strukturierte Nachsorge zur Sicherung der Rehabilitationserfolge. **Diskussion und Fazit:** Der Rehabilitationsprozess stellt sich trotz gesetzlicher und leitlinienbasierter Vorgaben heterogen dar und unterscheidet sich abhängig von unterschiedlichen Faktoren wie Behinderung, Indikation, Lebensumständen, Kostenträgern und Einrichtungen. Menschen, zu denen das Rehabilitationssystem passt, können von Maßnahmen profitieren. Andere begegnen aufgrund ihrer Beeinträchtigungen Barrieren und können das Potenzial medizinischer Rehabilitation nicht ausschöpfen. Daher bedarf es einer inklusiveren Gestaltung, um individuellen Bedarfen begegnen zu können. Ferner sind exklusive Alternativen (z. B. mobile/sozialraumorientierte Rehabilitation) notwendig, um allen Menschen eine gerechte Versorgung durch medizinische Rehabilitation zu ermöglichen. Politische Akteur*innen, Prozessbeteiligte und Forschende sollten sich gemeinsam mit der Ausgestaltung dieser Möglichkeiten befassen.

Fields of Study & Subjects

Down syndrome and intellectual disability research Medical Practices and Rehabilitation Psychiatric care and mental health services

Publication details

Journal / source
Publikationen an der Universität Bielefeld (Universität Bielefeld)
Publication date
1 January 2026
Language
DE
Document type
Thesis