Kontextuelle und globale Falsifikation wissenschaftlicher Modelle: Eine integrierte Theorie epistemischer Geltung
Abstract
Die klassische und häufig rezipierte Popper’sche Falsifikationstheorie operiert mit einem idealtypisch binären Bild wissenschaftlicher Rationalität, demzufolge eine Theorie durch eine widersprechende Beobachtung grundsätzlich in ihrer Geltung erschüttert wird (Popper [1934] 1959). Auch wenn Popper selbst methodologische Zusatzbedingungen berücksichtigt, bleibt diese binär-eliminative Struktur für die Analyse moderner Modellpraxis zu grob. Modelle wie die Newtonsche Mechanik, klassische Thermodynamik oder heutige Klimamodelle sind in Teilbereichen empirisch begrenzt, bleiben jedoch in bestimmten Domänen epistemisch unverzichtbar. Dieses Paper entwickelt einen integrierenden Rahmen der Modellgeltung als wissenschaftstheoretische Spezialausarbeitung von Modellmanagement unter endlichen Bedingungen. Es verbindet Einsichten von Popper, Kuhn, Lakatos, da Costa/French und moderner Modelltheorie, unterscheidet globale und kontextuelle Falsifikation und führt den epistemischen Ermöglichungsraum E(t) ein. E(t) macht sichtbar, unter welchen methodischen, technischen und institutionellen Bedingungen Modelle formulierbar, prüfbar, stabilisierbar und durch Alternativen ersetzbar sind. „Falsifikation“ wird dabei nicht als rein logisches Wahrheitskriterium verstanden, sondern als rational-pragmatischer Mechanismus der Modellbewertung. Entscheidend ist nicht nur, ob die Leistung eines Modells in einer Domäne sinkt, sondern ob verfügbare Alternativen innerhalb derselben relevanten Domäne über Zeit stabil höhere epistemische Konkurrenzfähigkeit zeigen. Die vorgeschlagene rekonstruktive Nutzenstruktur verbindet Approximate Truth, explanatorische Kraft und Modellkosten, ohne wissenschaftliche Rationalität als allgemein algorithmisch berechenbar zu behandeln. Eine Fallstudie zu Klimamodellen zeigt exemplarisch, wie Ensemble-Methoden, Parametrisierungen und probabilistische Gewichtungsverfahren zur Domänenpräzisierung beitragen können. Die Theorie rekonstruiert damit zentrale Strukturen moderner Modellpraxis und erklärt, warum Modelle trotz Teilfalsifikationen stabil bleiben, wann sie revidiert werden und unter welchen Bedingungen globale Modelleliminierung erfolgt.
Fields of Study & Subjects
Philosophy and History of Science
Historical Philosophy and Science
Twentieth Century Scientific Developments
Publication details
- Journal / source
- Zenodo (CERN European Organization for Nuclear Research)
- Publication date
- 27 April 2026
- Language
- DE