Hybride Zwischenlagen im Bevölkerungsschutz. Eine mehrdimensionale Klassifikation jenseits binärer Schwellen.

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Authors: Heiko Pereira Wolf
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Abstract

Viele Ereignisse im Bevölkerungsschutz – von lokalen Infrastrukturausfällen über Extremwetterlagen bis zu KRITIS-Störungen – verbleiben unterhalb formaler Katastrophenschwellen, erzeugen jedoch erhebliche Koordinationsbedarfe, langandauernde Übergangsphasen und komplexe Verantwortungszuschreibungen zwischen Betreibern, Kommunen, Ländern und Bund. Etablierte Klassifikationslogiken erfassen diese „hybriden Zwischenlagen” nicht adäquat, was zu Legitimationsproblemen bei Ressourcenmobilisierung, unklaren Zuständigkeiten und erschwerten Lessons-Learned-Prozessen führt. Der Beitrag entwickelt eine wissenschaftlich fundierte, nicht-evaluative Klassifikation auf Basis acht kontinuierlicher Dimensionen: räumliche Auswirkung, personelle Betroffenheit, Verantwortungszentrum, Unterstützungsreichweite, Übergangsdauer, KRITIS-Interdependenz, Kommunikationslage und Volatilität. Anders als Schwellenmodelle aggregiert der Ansatz Ereignisse nicht zu Schweregraden, sondern bildet sie als mehrdimensionale Profile ab. Dies ermöglicht systematische Vergleiche jenseits formaler Ausrufungen und macht strukturelle Spannungen transparent, ohne implizite Bewertungen oder Haftungsrisiken zu erzeugen. Methodisch verbindet die Klassifikation Operationalisierbarkeit mit föderaler und sektoraler Anschlussfähigkeit. Verantwortungszurechnungen werden als beobachtbare Prozesse erfasst, Übergänge explizit als eigenständige Phasen dokumentiert, Unsicherheiten systematisch sichtbar gemacht. Profile fungieren als Boundary Object zwischen Wissenschaft, Verwaltung, Betreibern und Zivilgesellschaft – geeignet für retrospektive Nachbereitung wie prospektive Lageeinschätzung. Die Klassifikation adressiert drei zentrale Defizite bestehender Systeme: Sie macht Ereignisse unterschiedlicher Genese strukturell vergleichbar, bietet eine gemeinsame Sprache für ebenen- und sektorübergreifende Koordination, und ermöglicht lernorientierte Auswertung ohne Schuldzuweisung. Anhand exemplarischer Stromausfälle wird gezeigt, wie Profile divergente Koordinationsdynamiken bei ähnlichem Impact sichtbar machen. Der Ansatz ist anschlussfähig an KRITIS-Strategien, internationale Klassifikationsdiskurse und Resilienzgovernance.

Fields of Study & Subjects

Disaster Management and Resilience Safety and Risk Management Infrastructure Resilience and Vulnerability Analysis

Publication details

Journal / source
Zenodo (CERN European Organization for Nuclear Research)
Publication date
20 January 2026
Language
DE