Übersetzen oder Umformen?
Abstract
Abstract (Deutsch) Dieser Beitrag untersucht die Grenze zwischen Übersetzung und Interpretation am Beispiel philosophischer und literarischer Texte. Die zentrale These: Gegenwärtige Übersetzungspraxis privilegiert Lesbarkeit gegenüber Vergleichbarkeit und verwandelt dadurch Vermittlung in Angleichung. Texte werden so umgeformt, dass sie den Erwartungen der Zielsprache entsprechen – auf Kosten ihrer Denkbewegung. Anhand eines Absatzes aus John Deweys Experience and Education wird demonstriert, wie syntaktische Entscheidungen die Erkennbarkeit des Gedankengangs bestimmen. Eine strikt vergleichbare Übersetzung bewahrt die prozessuale Entfaltung von Deweys Argumentation; eine geglättete Fassung ersetzt den Denkprozess durch sein Ergebnis. Die Differenz ist nicht stilistisch, sondern erkenntnistheoretisch: Sie entscheidet, ob der Leser einen Gedanken nachvollzieht oder lediglich zur Kenntnis nimmt. Der ethnologische Vergleich (going native, teilnehmende Beobachtung) verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz. Der Epilog reflektiert die institutionellen Widerstände gegen Übersetzungen, die fremde Denkbewegungen nicht neutralisieren. Das Plädoyer: Übersetzung sollte Fremdheit nicht kontrollieren, sondern erfahrbar halten – auch dort, wo dies der gewohnten Rezeption widerstrebt.
Fields of Study & Subjects
Translation Studies and Practices
Comparative and World Literature
German Literature and Culture Studies
Publication details
- Journal / source
- Zenodo (CERN European Organization for Nuclear Research)
- Publication date
- 4 February 2026
- Language
- DE