Zum "informationellen Restwert" der historischen Zettelkataloge der Staatsbibliothek zu Berlin für die Provenienz- und Sammlungsforschung
Abstract
Zu den etablierten Quellen der Provenienz- und Sammlungsforschung in Kulturgut bewahrenden Institutionen zählen Zugangsbücher, Inventare bzw. Akzessionsjournale. Doch kriegsbedingte Zerstörung, spätere Vernichtung oder der bewusste Verzicht auf das Führen solcher Unterlagen verursachen empfindliche Überlieferungslücken. Auch die mangelnde Aussagekraft vorhandener Einträge erschwert die Forschung. Oft führt erst die Kombination mehrerer Quellen ans Ziel, zumal auch die zu beforschenden Objekte selbst fehlen können, sei es durch Kriegseinwirkung, konservatorische Probleme oder Aussonderungsmaßnahmen. Wesentliche Erkenntnisse zur Geschichte eines Exemplars bzw. zum Umgang mit Sammlungen und bibliothekarischen Wissensarchitekturen können auch oder ausschließlich aus anderen Quellen wie den vielfältigen historischen (Zettel-)Katalogen einer Bibliothek gewonnen werden. Die Kataloge der Staatsbibliothek spiegeln in einzigartiger Weise die Krisen des 19. und 20. Jahrhunderts mit ihren Auswirkungen auf Sammlungen und ihre Metadaten wider und haben sich bereits als entscheidende Quellen zur Erforschung inkriminierter Erwerbungen bei fehlenden Exemplaren bzw. Lücken in den Akzessionsunterlagen bewährt. Das Potential dieser Quellen wird jedoch mit dem schwindenden Wissen um Verzeichnungspraktiken und Funktionsweisen der historischen Kataloge zunehmend unsichtbar. Die oft verschlüsselten Vermerke, Notationen und Kennzeichnungen sind bis heute nur punktuell gesichert und ausgewertet. Gleichzeitig eröffnet die rasante Entwicklung von KI-Anwendungen nie dagewesene Möglichkeiten der Extraktion von Informationen aus solch immensen konventionellen Datenspeichern. Gerade für die Provenienz- und Sammlungsforschung wäre die durchgehende Erfassung von Zugangsnummern, Sammlungsstempeln, Zensurzeichen und Nutzungseinschränkungen, Bearbeitungsschichten, Bindeeinheiten und anderen exemplarspezifischen Informationen zusammen mit zeit- und systemgebundenen Klassifizierungs- und Sammlungsstrategien von zentraler Bedeutung. Der Vortrag soll zunächst die in Frage stehenden Zettelkataloge mit ihrer jeweiligen historischen Ausrichtung und aktuellen Verfügbarkeit kurz charakterisieren. Anschließend soll die Forschungsrelevanz der in den Katalogen enthaltenen Daten an ausgewählten Fallbeispielen exemplifiziert und gleichzeitig eine Abschätzung zur Quantität und Qualität der Daten vorgenommen werden. Auf dieser Basis entwickelt der Vortrag Nutzungsszenarien für die Provenienz- und Sammlungsforschung, um diese hinsichtlich des „informationellen Restwertes“ der historischen Zettelkataloge zur Diskussion zu stellen.
Fields of Study & Subjects
Libraries
Manuscripts
and Books
Digital and Traditional Archives Management
Libraries and Information Services
Publication details
- Journal / source
- Zenodo (CERN European Organization for Nuclear Research)
- Publication date
- 2 February 2026
- Language
- DE