Kindeswohl im Normenkonflikt
Abstract
Der Beitrag untersucht vergleichend das Sorge- und Umgangsrecht in Marokko und Deutschland mit besonderem Fokus auf die zugrunde liegenden Konzeptionen elterlicher Verantwortung und des Kindeswohls. Obwohl beide Rechtsordnungen das Kindeswohl als zentrale Leitnorm anerkennen, unterscheiden sie sich grundlegend in ihrer normativen Struktur, rechtstheoretischen Verankerung und institutionellen Umsetzung. Während das deutsche Familienrecht auf einem einheitlichen, funktional und verfassungsrechtlich geprägten Sorgekonzept beruht, ist das marokkanische System durch die dualistische Trennung zwischen ḥaḍāna (tatsächliche Betreuung, Pflege und Erziehung des Kindes) und wilāya (rechtliche Vormundschaft und gesetzliche Vertretung) gekennzeichnet. Der Beitrag zeigt, dass diese Divergenz nicht lediglich terminologischer Natur ist, sondern unterschiedliche Modelle rechtlicher Verantwortungszuweisung widerspiegelt. Besondere Aufmerksamkeit gilt den daraus resultierenden Konflikten in transnationalen Familienkonstellationen, insbesondere bei der Anerkennung ausländischer Sorgerechtsentscheidungen und in Fällen internationaler Kindesentführung. Der Beitrag argumentiert, dass diese Konflikte weniger auf Vollzugsdefizite als auf normative Inkompatibilitäten zwischen funktionaler Verantwortungskongruenz und statusbezogener Verantwortungsaufspaltung zurückzuführen sind, und plädiert für eine strukturbezogene, funktionale Rechtsvergleichung. Schlüsselwörter: Kindeswohl – elterliche Sorge – ḥaḍāna – wilāya – Rechtsvergleich – transnationale Familien
Fields of Study & Subjects
Family and Matrimonial Law
Conflict of Laws and Jurisdiction
Legal and Social Justice Studies
Publication details
- Journal / source
- Zenodo (CERN European Organization for Nuclear Research)
- Publication date
- 1 March 2026
- Language
- DE