Wann wird eine Situation zur Krise?
Abstract
Die Frage Die Begriffe Aufgabe, Problem, Notfall und Krise werden in Organisationen häufig an Ereignistypen oder deren Schwere gebunden. Das erklärt jedoch nicht, weshalb dasselbe Ereignis für verschiedene Organisationen unterschiedliche Bewältigungsformen verlangt oder weshalb sich seine Einordnung im Zeitverlauf verändert. Das Modell Dieser Beitrag stellt das systembasierte Vier-Lösungsräume-Modell vor. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass eine Situation aus Ereignis und Kontext entsteht und dass das jeweils verantwortliche System Teil dieses Kontextes ist. Das Modell beurteilt zwei voneinander unabhängige Fähigkeiten dieses Systems: die ereignisbezogene Handlungsfähigkeit innerhalb seiner normalen Strukturen und die situationsbezogene Entscheidungsfähigkeit auf Basis einer ausreichend tragfähigen Entscheidungsgrundlage. Aus ihrer Kombination ergeben sich vier Lösungsräume: Aufgabe, Problem, Notfall und Krise. Eine Krise liegt vor, wenn beide Fähigkeiten nicht mehr ausreichend gegeben sind. Die Einordnung gilt stets für ein abgegrenztes System zu einem bestimmten Zeitpunkt und kann sich mit dem Kontext verändern. Inhalt Herleitung des Modells und seiner beiden Dimensionen; Indikatoren zur Selbsteinschätzung beider Fähigkeiten; vier typisierte Fallvignetten (Fahrzeugpanne, Grossbrand, Gefahrstoffaustritt, Cyberangriff); Abgrenzung gegenüber Boin et al., Howitt und Leonard, Quarantelli, Turner, Endsley sowie dem Cynefin-Rahmen; fünf konzeptionelle Propositionen; eine ereignisunabhängige Definition der Krise; Konsequenzen für Krisenmanagement und Resilienz. Praktischer Kern Nicht die Schwere eines Ereignisses entscheidet über Notfall oder Krise, sondern ob das betroffene System ereignisgerecht handeln und situationsgerecht entscheiden kann. Daraus folgt unter anderem, dass Krisenmanagement bereits vorsorglich aktiviert werden kann, bevor eine Situation als Krise eingeordnet ist, und dass Resilienz sich als Verschiebung der Übergangsschwellen zwischen den Lösungsräumen beschreiben lässt. Hinweise Das Modell ist konzeptionell entwickelt und nicht empirisch validiert. Der Beitrag liegt in deutscher und englischer Sprache vor.Die deutsche Version ist die Originalfassung. Offenlegung: Der im Schlusskapitel erwähnte Führungsrahmen EARN wurde vom Autor dieses Beitrags entwickelt.
Publication details
- Journal / source
- Zenodo (CERN European Organization for Nuclear Research)
- Publication date
- 24 August 2026
- Language
- DE