Der eiszeitliche Stausee von Ravensburg und die Entstehung von Bodensee, Argen und Schussen
Abstract
Im Zug Ravensburg-Friedrichshafen.Nach kräftigem Gähnen sagte mein Gegenüber: "Das ist doch die fadeste von allen Strecken der schwäbischen Eisen- bahnen."Ich mußte schmunzeln, verriet aber weder durch Wort noch Miene, daß ich "hehlingen" dachte: "Ja freilich, weil du nichts von der Landschaft ver- stehst."Den Kundigen sagt sie wahrlich genug.Ver- mutlich wäre ja auch ihm dies Wort nicht entfahren, wenn er die Fahrt zur Zeit der Apfelblüte in ihrer unerschöpflichen Pracht, des sproßenden Buchenlaubs, der prangenden Wiesen oder des herbstlichen Obstes durch diesen gesegneten Garten gemacht hätte, in dem zwischen freundlichen Dörfern und Höfen die Schüs- sen ihre genau nach Muster gelungenen Mäander zeichnet.Und wenn erst die weißen Schneegipfel des Alpengebirges herabgeleuchtet hätten!Doch von all diesen Wundern will ich hier nicht sprechen, die das Auge entzücken, sondern von dem Wunder ihrer Ent- stehung, das wie ein Geheimnis in ihr verborgen liegt und das sie doch dem preiszugeben bereit ist, der ihr zu lauschen vermag.Vielleicht habe ich viel versprochen.Ihre Entstehungsgeschichte ist so verwickelt, daß es gar nicht möglich ist, sie in einem kurzen Aufsatz er- schöpfend zu erzählen; ich muß mich vielmehr auf einen Ausschnitt beschränken.Es sei nur von dem See die Rede, der einstmals, gegen Schluß der Eiszeit, unsere Schussenniederung füllte.Ist es nicht schon interessant genug, auf dem Boden eines ehemaligen großen Sees -er reichte von Untereschach bis Mochenwangen -Eisenbahn fahren zu können!Denke man sich nur den allerdings weit größeren und tiefe- ren Bodensee ausgelaufen und wir würden auf seinem Grunde mit der Bahn fahren statt mit dem Dampfer auf seiner Oberfläche.Wäre das nicht ein abenteuer- licher Gedanke!So fahren wir von Mochenwangen bis Untereschach, ja in gewissem Sinn bis Friedrichs- hafen, auf ehemaligem Seegrund.Ist das etwa langweilig, nur weil er eben ist, eben sein muß?Erwarten wir über ihm einen alpinen Berg?Er würde zum Stil der Landschaft gar nicht passen, würde ihren intimen Liebreiz zerstören.Trotzdem braucht man auch hier auf den Anblick von Erhebungen nicht zu verzichten.Man darf nur durch die Lücken zwischen den Obst- bäumen spähen, so sieht man allerorts als Hintergrund die beiderseitigen Steilränder der Schussensenke und in ihnen die beiderseitigen Ufer des einstigen Sees emporragen.Sie sind eingeschnitten in eine reichgegliederte Hochfläche, deren Beschreibung hier weg- bleiben soll.Welches waren die Bedingungen, die zur Entstehung des Ravensburger Sees führten?Der Rheingletscher war in der vierten oder Würmeiszeit (Abb.1-3) wie schon mehrmals durch das Alpentor in Oberschwaben eingedrungen und hatte einen größeren Teil davon mit seinem Vorlandseiskuchen überdeckt.Wir gehen aus von seinem deutlich im Gelände ausgeprägten Nordrand, der sich zu Zeiten des Eisstillstandes zwei- mal deutlich durch Endmoränenwälle abzeichnet.Für uns ist von beiden besonders die innere Jungendmoräne über Ratzenried, Waldburg, Schindelbach, Fron- hofen, Wilhelmsdorf wichtig.Von dort aus zog sich der Gletscher nun endgültig ins Gebirge zurück.Jedoch schalteten sich in diesen Rückzug mehrmals Still- standsphasen ein.Bei einer solchen Stillstandslage (Älterer Argen-oder Älterer Tettnanger Stand) ver- lief das Nordende des Eiskörpers zunächst in Ost- West-Richtung von Esseratsweiler über Hiltensweiler, Rattenweiler, Gitzensteig (bald darauf gab er auch Wielandsweiler und Wolfertsweiler frei), überquerte das Argental bis Gießenbrücke und zog nach Nord- westen bis zum Krippelebogen.Von hier sandte der Gletscher eine mächtige Eiszunge nordwärts in das heutige Schussental hinauf (Abb.1), deren Rand un- schwer über Bruderhaus, Tettnang Westende, Moos, Kratzerach, Obermeckenbeuren, Liebenau Westende, Langentrog, Senglingen, Rebholz (nördlichster Punkt, durch einen Endmoränenwulst gekennzeichnet) west- lich von Untereschach, und von hier wieder rückwärts nach Südwesten über Appenweiler Süd (wohlausgebildete Endmoränen von Lehhorn und Lindenholz), über Oberailingen, Berg bis Unterraderach zu verfol- gen ist.Daran schloß sich noch ein wieder im ganzen nach Westen gerichtetes Stück bis Hagnau.Wir haben uns vorzustellen, daß das Gelände von Schussenried an schon damals, unter dem Eis verbor- gen, Südgefälle hatte, ja die wichtigsten heutigen Entwässerungsrinnen desselben schon vorgebildet waren.Im Schussental war zweifellos schon vor der
Fields of Study & Subjects
Geology and Paleoclimatology Research
Geological formations and processes
Marine and environmental studies
Publication details
- Journal / source
- Schwäbische Heimat
- Volume
- 7
- Issue
- 1
- Pages
- 17–21
- Publication date
- 5 February 2026