Der Gartacher Pogrom von 1298

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Authors: Otfried Kies
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Abstract

EinleitungIm Heimatbuch Kleingartach 1 und jüngst in einem Aufsatz "Blutspur der mittelalterlichen Horden" 2 (2015) berichtet Bernd Röcker über die mittelalterliche Judenverfolgung durch die Mörderbanden des "Königs" oder "Rex" (wie er sich nennen ließ) Rindfleisch in den Gemeinden Güglingen und Kleingartach.3 Röckers Arbeit war Anlass dazu, die Geschichte der Juden im Zabergäu und seiner Umgebung wenigstens in wesentlichen Zügen darzustellen -als ein Stück gern verdrängter deutscher Geschichte. 4 Die Juden im Heiligen Römischen Reich Die zum Teil schon mit den Römern nach Germanien gekommenen Juden hatten während des gesamten Mittelalters große Bedeutung als Nah-und Fernhändler.Zu Zeiten Karls des Großen bewältigten sie den Großteil des Handels mit dem Orient.So schickte Karl 797 den Juden Isaak nach Persien, von wo Isaak im Juli 802 Karl den Elefanten Abul Abaz, auch Ambulator genannt, nach Aachen brachte als Geschenk des "Amarmurmulus rex Persarum", auch "Aaron rex Persarum" und "Aaron rex Sarracenorum" (= Harun ar-Raschid) genannt.5 Der Begriff "Iudaeus-Jude" war geradezu gleichbedeutend mit "Groß-oder Fernhändler" auf den überregionalen Messen.(Die ländlichen Märkte wurden durch die bäuerliche Bevölkerung unterhalten.)Durch Juden gelangten auch der Wissensschatz der Antike und viele christliche Reliquien ins Heilige Römische Reich.Wegen des Verbots des Zinsnehmens ("Wuchers") für Christen untereinander dienten Juden lange Zeit auch als Bankleute, besonders für Klöster und Adel, die zwar Vermögen, aber weniger Kenntnisse in Vermögensverwaltung und -bewahrung hatten.Graf Gottfried von Vaihingen hatte um 1250 bei Juden Schulden von viereinhalb Pfund Silber ("aput Iudeos loco pignoris pro quatuor marcis et dimidia"), die er nicht einlösen konnte, weshalb er seinem Bürgen, dem Kloster Herrenalb, dessen Güter in Ellmendingen von Abgaben befreite.6 Kloster Maulbronn nahm 1257 wegen seiner unerträglichen Zinsschulden bei den Juden ("propter onera debitorum intollerabilia, quibus nostrum monasterium tenebatur partim inter Iudeos cum accessione gravis usure necnon alias satis graviter obligatum") von der Speyrer Witwe Gertrud Simeler und ihren vier Kindern ein Darlehen von 90 Pfund Heller auf.7 Kloster Hirsau verkaufte wegen seiner unmäßig angestiegenen Darlehensschulden bei den Juden ("usuris 8 immoderatis aput Iudeos accrescentibus") am 10.September 1284 dem Kloster Bebenhausen seine Besitzungen in der Stadt Bönnigheim und inner-und außerhalb ihrer Zwinge und Heimatblätter aus dem Zabergäu Zeitschrift des Zabergäuvereins Heft 2, Jahrgang 2018 von Otfried KiesBänne, und gleichermaßen in Botenheim ("omnes possessiones nostras sitas aput Bunnenkein, tam in civitate dicta quam etiam in terminis sive marca vel extra marcam eiusdem civitatis et in Bathenhein similiter") um 600 Pfund Heller.9 Von Graf Eberhard I. von Wirtemberg (reg.1279 bis 1325) ist bekannt, dass er wegen seiner Kriege hohe Schulden hatte.1287 musste ihm König Rudolf befehlen, seine Schulden den Reichsbürgern, Christen und Juden, zu bezahlen ("solch gelten des riches burgeren, kristen unde juden"); es ist dabei sogar die Rede von Burgen, die er Christen und Juden versetzt hatte ("die er kristen oder juden gesetzet hat").10 Kloster Kirchheim-Teck überließ am 20.März 1300 den Schwestern Gisel, Liugart und Berhte und deren Bruderstochter Salme in Esslingen verschiedene Güter als Leibgeding ("ze ainem rehten lipgedinge") 11 und für einen ewigen Jahrtag ("ze ir jargezit"), eine Messe am Todestag, und erhielten dafür als Vermächtnis deren Güter in Wendlingen.Den vier Empfängerinnen wurde zugesichert, wenn sie ihr Geld nicht vom Kloster bekämen, könnten sie es bei dem christlichen Wucherer Karzin oder "an den juden nehmen, uf unsern schaden".12 Wollte man sich ein Darlehen nicht leisten, so wusste man sich selbst auf höchster Ebene zu helfen.Rabbi Meir ben Baruch von Rotenburg ("magister Mehir de Ruthenburch iudeus)" war der bedeutendste und angesehenste jüdische Gelehrte seiner Zeit in Deutschland ("qui a Judeis magnus in multis scientiis dicebatur et apud eos magnus habebatur in scientia et honore").1286 plante er unter dem Eindruck der zunehmenden Bedrückung, mit einer Gruppe von Juden Deutschland zu verlassen und nach Syrien oder Palästina zu ziehen.In Tirol im Gebirge wurde er von einem "getauften Juden" im Gefolge des Erzbischofs Heinrich von Mainz auf dessen Rückreise von Rom erkannt und verraten.Am 28.Juni 1286 wurde Meir gefangen und an König Rudolf 13 ausgeliefert.Rudolf hielt Meir in zwar milder Haft in Mainz und Ensisheim, benutzte ihn aber als Unterpfand für das Verbleiben der deutschen Juden im Land.Auf Bitten der Judenheit wandte sich sogar Papst Nikolaus IV. am 29.August 1288 an den König, er solle Meir freilassen, da Meir nichts gegen die christliche Religion oder den König noch sonst etwas verbrochen habe.14 Ohne Erfolg.Die Juden boten dem König den ungeheuren Betrag von 20.000 Pfund für die Freilassung, doch laut jüdischer Quellen wollte Meir seine Freiheit nicht um so hohen Preis erkaufen.Er wollte dem Habsburger keinen Anlass zu zukünftiger erpresserischer Verhaftung von Rabbinern geben.Meir starb am 27.April 1293 in Ensisheim; erst 1307 überließ man den Juden seine Leiche zur Bestattung.15 Die Wichtigkeit der Juden für das Geldwesen der Fürsten und Städte lässt noch eine am 27.Oktober 1399 in Brackenheim ausgestellte Urkunde erkennen, in welcher "Diehter grave zu Katzzenelnbogen, grafe Rudolff von Sultz der alt, Engelhart here zu Winsperg, Hans von Lustnaúwe und Cuntz Zopf, burger zu Wimpfen" die Fehden zwischen der Reichsstadt Heilbronn und Graf Eberhard III.von Wirtemberg (reg.1392-1417) entschieden.Darin ist die Rede von den Juden Boriess und Jöselin und "von der judenbrieff wegen, die die von Heilprun inne solten haben, die unserm heren von Wirtemberg sagen", also für Eberhard von finanzieller Bedeutung waren.16Die Dominikaner 1221 wurde in Deutschland die Ordensprovinz Teutonia gegründet.In Lauffen unterstützten die Dominikaner den Bau der frühgotischen Regiswindiskirche 1227 bis 1284 und die Errichtung eines Frauenklosters um 1250 an der Zabermündung.Dabei entwickelten die Dominikaner durch ihren missionarischen Eifer eine extrem judenfeindliche Haltung.Sie bezweckten damit religiöse Volksbewegungen.In Lauffen förderten sie -ohne Judenhatz -den Regiswindis-Kult.Wo sie aber für die Förderung des Glaubens keine so günstige Ausgangslage fanden, stellten sie sie durch Aufstachelung zum Judenmord her.In Pforzheim produzierten sie mit dem Mädchen Margaretha eine siebenjährige Märtyrerin mit einem Schicksal ähnlich dem der Reginswind.Margarethas Hochgrab ("tumba lapidea") mehrere Fuß über dem Boden ("aliquot pedum altitudine a pavimento elevata") stehend, mit der auf dem Deckel aufgemalten Inschrift "MARGARETHA A JUDEIS OCCISA OB.FELICITER ANNO DNI M CC LX VII CAL.JVLII FER.VI." wurde bis um 1862 in der Evangelischen Schlosskirche zu Pforzheim gezeigt.17 Das Kind wurde angeblich von einer alten Frau an Juden verkauft: "Die Juden stopften ihm den Mund, daß es nicht schreien konnte, schnitten ihm die Adern auf und umwanden es, um sein Blut aufzufangen, mit Tüchern.Das arme Kind starb bald unter der Marter, und sie warfen's in die Enz, eine Last von Steinen obendrauf.Nach wenigen Tagen reckte Margaretchen ihr Händlein über dem fließenden Wasser in die Höhe; das sahen die Fischer und entsetzten sich; bald lief das Volk zusammen und auch der Markgraf selbst.Es gelang den Schiffern, das Kind herauszuziehen, das noch lebte, aber, nachdem es Rache über seine Mörder gerufen, in den Tod verschied.Der Argwohn traf die Juden; alle wurden zusammengefordert und wie sie dem Leichnam nahten, floß aus dessen offenen Wunden das Blut stromweise."18 Der Humanist Ladislaus Sunthaym (* um 1445-1512/13) erzählt in seiner Landesbeschreibung (um 1503) nicht nur von der "Beata Margaretha -a judeis martirisata", sondern auch von einem "Beatus Hainricus etiam a judeis occisus"; beide seien "in Parrochia" Pforzheim bestattet.Die Datierung "ANNO D[OMI]NI M CC LX VII CAL[ENDAS] IVLII FER[IA] VI" als "Im Jahr des Herrn 1260 am 7. Tag vor den Kalenden des Juli" = 25.Juni 1260; vernachlässigt "FER(IA) VI = am sechsten Tag nach".So muss es heißen: "Im Jahr des Herrn 1267, am sechsten Tag nach den Kalenden des Juli", am 6. Juli.Das Nürnberger Memorbuch stützt das Jahr 1267.19 Danach wurden am Freitag, dem 20.Tammus 5027 (= 15.Juli 1267, Margarethen-und Regiswindistag!) deswegen Rabbiner R. Samuel, Sohn R. Jakars Halevi; R. Isak, Sohn R. Eliesers; und R. Abraham, Sohn R. Gerschoms, in Pforzheim "geredert und erhenket mit dem alten wib, es erhanktend sich ouch selb zwen Juden".20 Diese von der römischen Kirche initiierte Judenverfolgung fand schnell ihre Werkzeuge in Leuten, die daraus ein blühendes Mordgeschäft machten.

Fields of Study & Subjects

Religion Theology History Judaism Christianity Medieval and Early Modern Justice Medieval Literature and History

Publication details

Journal / source
Zeitschrift des Zabergäuvereins
Issue
2
Pages
1–18
Publication date
3 March 2026
Language
DE