Nie gedrucktes Heimatbuch

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Authors: Wilhelm Kohlhaas
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Abstract

Als sich am Abend unserer sommerlichen Jahresversammlung zu Hall die Stadthäupter von Calais im Spiel auf der Treppe der Michaelskirche zum schweren Gang anschickten, schob sich mir in das düstere Geschehen immer wieder unabweisbar ein ganz anderes Vorstellungsbild: auf dieser selben Treppe eine Horde ausgelassener Schulbuben, die die Steile vom Kirchportal herab bei tiefem Neuschnee zu einer Rutschbahn ausgeschliffen hatten, über die sie johlend und lärmend herabkugelten . . .wann war es, und wann hätte ein hoher Rat oder die Ortspolizei solch übermütiges Treiben geduldet, das sich nun in weihevoller Stunde respektlos in meine Gedanken drängte?Neben der eindrucksvollen Darstellung wäre dies nicht wohl denkbar gewesen, hätte sich mir nicht zugleich an dieser Stelle der Schatten eines lieben Freundes gezeigt, den (und hier schließt sich der ab- lenkende Gedanke doch wieder an den Ernst des Stückes an) vor elf Jahren der Krieg verschlungen hat und dessen liebstes unfertig gebliebenes Werk eben dieser Stätte galt: der ungedruckt gebliebene Roman, von dessen Plan ich allein noch zu erzählen weiß - "Die Zwietracht von Hall" von Kilian Koll.Nun war, kurz ehe mich an der Michaelskirche diese Erinnerung an etwas unwiederbringlich Verlorenes überfiel, beim Wahlakt in der Jahresversammlung des Heimatbundes der berechtigte Wunsch geäußert wor- den, von mir und über mich, der ich gerade zum Vor- sitzenden unseres Vereins gewählt werden sollte, doch auch ein bißchen etwas Persönliches zu erfahren.Indessen ist es immer eine heikle Forderung, von sich selbst zu erzählen, und so fasse ich das Bild, das mich inmitten des Spieles so zwingend ansprach, als einen Wink: "sage mir, mit wem Du umgehst..." Hat es mich doch schon manches liebe Mal gedrängt, seiner vor einem weiteren Kreise zu gedenken, wie es ein Mann verdient, der einst als Autor der Kurz- geschichte "Urlaub auf Ehrenwort" den Titel ge- schaffen hat, der überall auf Plakaten prangt, Geld bewegt und einbringt und in den Rollen und dem Vorspann des Films Dutzende von Namen bekannt- macht, nur nicht den einen, jenen verschollenen Schriftsteller mit dem Decknamen Kilian Koll, dessen Schicksal schon immer vom Zeichen des Vergessenwerdens und der Überschattung durch andere be- stimmt schien: denn in Wirklichkeit hieß er Walter Julius Bloem und war der so viel gehaltvollere, wenn auch so viel weniger erfolgreiche Sohn des bekannten Schriftstellers, dessen Erfolgsauflagen das Werk des Jungen erstickten, bis dieser sich vor der Last des väterlichen Namens im Pseudonym verbarg.Dennoch steht er als ein zum Lachen und Siegen ge- borenes Glückskind vor den Augen derer, die ihn in seiner Stuttgarter Schulzeit erlebten, wo sein Vater, damals als Autor der 1870er-Trilogie soeben im lite- rarischen Aufstieg, als Dramaturg ans Hoftheater be- rufen worden war.Von der Schule drängte sich der Junge zur Front, wurde abgewiesen, schaffte es auf abenteuerlichsten Umwegen dennoch und kam zu-

Fields of Study & Subjects

German Literature and Culture Studies World Wars: History Literature and Impact Literature and Culture Studies

Publication details

Journal / source
Schwäbische Heimat
Volume
7
Issue
5
Pages
185–187
Publication date
28 January 2026