Kindheitserinnerungen an Tübingen
Abstract
An der "akademischen Rennbahn" Die Wilhelmstraße, an der wir wohnten, und die vom Stadtinnem Tübingens, vom Markt-und Laden- viertel zur Universität, zu den Instituten und Kliniken führt, ist die schönste, liebste, bedeutsamste und auch sinnbildlichste Straße meines ganzen Lebens gewesen und geworden.Habe ich mich nicht durch alle meine Tage auf der Straße zwischen Geist und Prosa hin- und herbewegt, bin ich nicht immer irgendwie unter- wegs auf ihr wie damals, als ich mit Werner und mit meinem "Radelrutsch" (es war das erste seiner Art in Tübingen) auf ihr entlangraste?Oft will mir scheinen, als sei die Kindheit viel eher ein Modell als eine Grundlage des späteren Lebens 1 Wir waren stolz auf unsre neumodischen Gefährte; wir nahmen sie überall hin mit und gingen überhaupt nicht mehr zu Fuß, wie dies bei leidenschaftlichen Autofahrern der Fall sein soll.Wir kannten jeden Sprung im Pflaster, jeden kleinen Buckel im Bürgersteig, ja jede Höhlung unter diesem -der jeweilige Ton der damals noch nicht gummibereiften Räder zeigte uns das an.Vom "Museum" an, das damals eine Wirtschaft mit angebautem Theater-und Kon- zertsaal war, bis zu jener Ammerbrücke war die Rennbahn glänzend und ohne jede Unterbrechung; ärgerlicher war die andre Straßenseite, vom Kauf- mann Rieckert über die "Traube" und die heutige Osiandersche Buchhandlung, an unserm und Siebecks Haus vorbei bis zum berühmten "Lembo", der Bäckerei und Weinstube, denn hier gab es Unter- brechungen durch Kopfpflaster und Randsteine.Trotz dieser Schwierigkeiten unternahm ich aber bereit- willig alle Einkäufe beim Kolonialwarenhändler Rieckert, wo es gut roch und nach "Soll und Haben" aussah.Für meinen Vater mußte ich einmal dort eine besondere Zigarrensorte holen, die er mir aufgeschrieben hatte.Da er, wie alle Mediziner, eine un- leserliche Handschrift besaß, gab mir Herr Rieckert eine riesige Tüte Zitronen mit, er hatte dies statt Zigarren entziffert.Natürlich wurde ich mit Schimpf und Schande und einem lesbaren Zettel wieder zu- rückgeschickt.Doch diese Geschichte gehört in eine spätere Zeit; mein Vater war über die Kriegsjahre nicht zu Hause und tritt daher vorerst in meiner Ge- schichte noch nicht auf.Also schon wieder ein litera- rischer Unglücksfall, den Sie mir vergeben müssen!Mit diabolischem Vergnügen wartete ich mit meinem Vehikel auf den Zeitpunkt, wo die Kollegs aus waren, denn dann konnte ich mit viel Schwung auf der Mu- seumsseite in die entsetzt ausweichenden Studentenschwärme hineinfahren.Diese
Fields of Study & Subjects
Autobiographical and Biographical Writing
German Literature and Culture Studies
Literature and Culture Studies
Publication details
- Journal / source
- Schwäbische Heimat
- Volume
- 8
- Issue
- 3
- Pages
- 109–111
- Publication date
- 16 January 2026