Hölderlins späte Gedichte

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Authors: Ernst Müller
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Abstract

Hölderlin ist nach hundertundfünfzigjähriger Irrfahrt heimgekehrt.Die um das Geheimnis seines Dichter- tums mit großen Ansprüchen buhlten, haben nicht mit der Treue des Philologen gerechnet.Friedrich Beiß- ner hat die prunkvollen Interpretationsteppiche, die die Freier woben, in aller Stille, in unermüdlicher Tag-und Nachtarbeit wieder aufgetrennt.Der Hüter des großen Schatzes tat das einzige, was not war, er stellte zum erstenmal den Wortlaut des Textes her und legte um ihn die vielfältigsten, handschriftlich vorhandenen, aber bis heute unbekannt gebliebenenLesarten in Form von schlichten Korrekturen, von ge- planten Fassungen, von nicht zu Ende gediehenen Ansätzen.Nun steht mit dem zweiten Band der Stuttgarter Aus- gabe "Gedichte nach 1800" -sit venia verbo -ein neuer Hölderlin vor uns.Neu deshalb, weil in den bisher vorhandenen zwei Ausgaben der "Sämtlichen Werke", wir meinen die von Hellingrath -Seebaß - Pigenot (zwischen 1916 und 1943, in allen drei Auf- lagen) und die von Franz Zinkernagel (1925), nur Bruchstücke jener wichtigen und schwer durchschau- baren dichterischen Produktion von 1800 ab entziffert und ediert waren, und neu zum andern deswegen, weil an beliebig zu wählenden Stellen sowohl der Haupttext als auch die Lesarten eindeutig falsch ge- lesen und zum Druck gegeben waren.Die Freier, die sich für die eben bezeichneten Ausgaben begeisterten, hatten es deshalb verhältnismäßig leicht, dunkle, aber falsch gelesene Nahtstellen für ihre subjektive Deu- tung noch dunkler zu machen, und den Dichter mit der purpurnen Nachtgloriole eines mißverstandenen Propheten und Auserwählten für orphische Urworte zu bekränzen.Ins Feuer mit all den Guardini, Hei- degger, Böckmann (ich nehme auch einen großen Teil meiner eigenen Hölderlinarbeit nicht aus), mit all den Mystikern der Münchner, den Ontologen der Frei- burger und den Mythologen der Heidelberger Schule, so sind wir versucht, einen bekannten Ausspruch David Humes über die Metaphysik zu variieren, wenn wir in dem Lesarten-Band Beißners blättern und zu Einzelstudien des textkritischen Apparats übergehen.Es ist zu viel Schwulst, Abenteuer und Subjektivismus in der bisherigen Literatur über den Dichter der Ele- gien, Hymnen und Bruchstücke.Der schwarze Tag ist für sie mit dem Erscheinen des Beißnerschen Textes gekommen; ihre Aktien versinken ins Schattenhafte.Blicken wir so betrübt nach rückwärts, so auch nicht ohne Bangnis in die Zukunft.Denn der Geist der Philologie, wie ihn Beißner so rein beschworen hat, möge uns vor allzu sklavischer Kärrnerarbeit an dem Geistesgut Hölderlins auf Grund der erweiterten und gereinigten Texte bewahren und uns nicht mit Höl- derlin-Dissertationen überschwemmen, die uns zu- nächst doch nicht weiterbringen können, da alles Wesentliche in dem Text und seinen Erläuterungen bereits gesagt ist.Freuen wir uns dagegen einmal lange und besinnlich über den originalen Wortlaut und versuchen wir langsam durch die wahrhaft "enge Pforte", um mit dem Evangelium zu reden, zu gehen, um zur Seligkeit des Verständnisses zu gelangen.11.Um 1800 begann der Dichter kleinere oft nur ein- oder zweistrophige Oden umzuarbeiten zu Groß- Oden.Er wählte dazu meistens ein strenges, antikes Metrum, das sogenannte alkäische, das er zuweilen auch mit dem asklepiadeischen vertauschte.An den Lesarten läßt sich zeigen, wie er langsam die bloß Sentenzen-oder idyllenhaft gegebene kleine Oden- form mit Inhalten füllte, die zwanglos zur späteren Hymne weiterführen, aber zunächst in klar abteilbare Groß-Oden ausschwingen.Das Biographische, das noch in den Landschafts-und Städteoden eine gewisse Rolle spielte (Heidelberg, Neckar, Main, die Herbst- feier usw.) verschwindet immer mehr und wird vom Mythischen, Antiken, Überpersönlichen, kurz von der Realität göttlicher oder heldischer Mächte verdrängt.Hier konnte freilich Beißner nicht viel Neues zu dem schon Bekannten fügen, nur vervollständigen und ausbessern.Auch auf dem verhältnismäßig gut durch- forschten Gebiet der Elegien konnte der Herausgeber in den Erläuterungen auf Monographien der größeren Stücke verweisen, die bereits vorlagen.Alles in allem wird gezeigt, daß der Dichter fast keine Vers- zeile ohne Veränderung ließ, unablässig bemüht war, ein treffenderes Bild, einen markanteren Ausdruck, eine deutlichere Metapher zu finden.Indessen betreten wir mit den Hymnen und den ihnen beigefügten Lesarten und Erläuterungen das Heiligtum des späten Hölderlin.Und hier tun sich nun in der Tat die neuen Perspektiven auf.Wir sehen gleichsam in die Werkstatt des Dichters, be- obachten die Handhabung seiner schriftstellerischen Werkzeuge, der 'Waffen des Worts, lernen ver-

Fields of Study & Subjects

German Literature and Culture Studies Classical Studies and Philology Libraries Manuscripts and Books

Publication details

Journal / source
Schwäbische Heimat
Volume
3
Issue
1
Pages
2–6
Publication date
23 February 2026
Language
DE