Ätiologie und Häufigkeit pathologischer Veränderungen an den Skeletfunden der neolithischen Population aus Völlinghausen
Abstract
Die Paläopathologie orientiert sich als interdisziplinäres Fach zwischen (Zahn-)Medizin, Anthropologie und Archäologie. Als einzige Zeitzeugen dienen die sterblichen Überreste als Primärquellen im Sinne von „biohistorischen Urkunden“, da aus der Vor- und Frühge- schichte keine anderweitigen Zeitzeugnisse, beispielsweise Schriftquellen, zur Verfügung stehen. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, das knöcherne Fundgut der neolithischen Population aus Völlinghausen paläopathologisch in Hinblick auf die Ätiologie und Häufigkeit patholo- gischer Veränderungen zu untersuchen, vor dem Hintergrund der bereits vorliegenden Lite- ratur zu diskutieren und so einen Beitrag zum Verständnis der Lebensbedingungen, Sozial- struktur sowie Erkrankungen im Neolithikum zu leisten. Das stark fragmentierte und teilweise stark postmortal verfremdete knöcherne Fundgut der Population aus Völlinghausen musste in minuziöser Arbeit anhand anatomischer Strukturen sortiert, dokumentiert, das biologische Alter möglichst genau bestimmt, Geschlechtsmerk- male beschrieben und die Körperhöhe rekonstruiert werden. Aufgrund fehlender Vergleichs- arbeiten musste außerdem eine Auswertungsmethodik entwickelt werden, die es zulässt, Knochen unterschiedlicher Güte und Vollständigkeit gemeinsam auszuwerten, um ein Ma- ximum an Erkenntnissen zu gewinnen. Die vollständigen Beschreibungen und Befunde sind im Befundteil dieser Arbeit dargestellt. Mithilfe paläopathologischer Methoden wie makroskopische Begutachtung, binokulare Lu- penmikroskopie, Endoskopie, Röntgendurchleuchtung, Durchlichtmikroskopie und Raster- elektronenmikroskopie sollten so Erkenntnisse über krankhafte Prozesse und über die Norm abweichende Veränderungen von anatomischen Strukturen und deren Oberflächen gewon- nen werden, die zur Rekonstruktion der Lebensumstände beitragen. Anhand der Felsenbeinpyramiden sowie des am häufigsten vorliegenden Zahnes 16 konnte für das Kollektivgrab der neolithischen Population aus Völlinghausen eine Mindestindivi- duenzahl von 53 bestimmt werden. Das ermittelte Sterbealter mit einer Spanne von mindes- tens zwei Jahren und maximal 80 Jahren ergab annähernd eine Normalverteilung in den Al- tersstufen. In Bezug auf die Geschlechtsverteilung ließ sich ein leichtes Übergewicht zu- gunsten männlicher Individuen feststellen. Die Rekonstruktion der Körperhöhen ergab einen Populationsmittelwert von 155,5 cm. Die Schädeldächer zeigten vor allem auf der Lamina interna mit n = 83 von 150 (56%) Datensätzen auffallend häufig Spuren krankhafter Prozesse, die überwiegend entzündlicher Genese waren. An zwei Fragmenten aus der hinteren Schädelgrube konnten grübchenartige Impressionen gefunden werden. Hiervon wurde in einem Fall ein Silikonabguss hergestellt, der eine für eine meningeale Tuberkulose typische Struktur zeigte. In dem zweiten Fall konnte mithilfe der Knochendünnschliffmikroskopie ein ähnliche grübchenartige Verände- rung mit hochgradigem Verdacht für eine meningeale Tuberkulose nachgewiesen werden. Auch die venösen Hirnblutleiter wiesen gehäuft reaktive Veränderungen in Folge von ent- zündlicher Affektion auf. Der Sinus sagittalis superior war mit n = 21 von 47 (45%), die Sinus transversi mit n = 13 von 68 (19%) und die Sinus sigmoidei mit n = 35 von 78 (45%) betroffen. An den Augenhöhlendächern konnten an n =21 von 99 (21%) pathologische Veränderungen einer Cribra orbitalia nachgewiesen werden, die primär als unspezifische Stressmarker zu bewerten sind und in der Regel erst nach einer mikroskopischen Untersuchung näher diffe- renziert werden können (Anämie: n = 3 von 20 ≙ 15%, Skorbut: n = 0 ≙ 0%; Entzündung: n = 10 von 20 ≙ 50%; postmortale Entstehung: n = 7 von 20 ≙ 35%). Die lichtmikroskopi- sche Untersuchung der Knochendünnschliffpräparate ließ auch hier auf eine hauptsächlich entzündliche Ursache schließen. Die Nasenhaupthöhle war mit n = 10 von 21 (48%), der Sinus frontalis mit n = 42 von 71 (59%), der Sinus maxillaris mit n = 31 von 47 (66%), der Sinus sphenoidalis mit n = 23 von 35 (66%) und die Cellulae ethmoidales mit n = 5 von 5 (100%) von chronisch entzündlichen Prozessen affektiert. An n = 16 von 58 (28%) der Mittelohren konnten Spuren einer Otitis media gefunden wer- den. Von den Processus mastoidei zeigten n = 31 von 78 (40%) ebenfalls Spuren abgelau- fener entzündlicher Prozesse. An den Zähnen des Milchgebisses waren bei n = 4 von 120 (3%) apikale Prozesse, bei n = 34 von 120 (26%) Zahnstein, bei n = 7 von 120 (6%) Karies und bei n = 55 von 120 (46%) transversale Schmelzhypoplasien vom Grad I nachweisbar. Im bleibenden Gebiss zeigten n = 57 von 992 (6%) Zähnen eine parodontale Erkrankung, n = 11 von 992 (1,1%) Zähnen apikale Prozesse, n = 411 von 992 (41%) Zähnen Zahnstein, n = 56 von 992 (6%) Zähnen kariöse Läsionen und n = 732 von 992 (74%) Zähnen transversale Schmelzhypoplasien, die überwiegend dem Grad I zuzuordnen waren und somit keinen Krankheitswert darstellen. Abrasionen waren sowohl im Milch- als auch im Dauergebiss erkennbar, die zumeist so ausgeprägt waren, dass bereits das Dentin freigelegen hat und so eine Sekundärdentinbil- dung wahrscheinlich war. An der Wirbelsäule konnten an n = 745 von 1187 (63%) Fragmenten von Endplatten und Wirbelbögen krankhafte Veränderungen gefunden werden, die zu 95,1% degenerativ be- dingt waren. 4,6% zeigten Spuren von Arthritis und weitere 0,3% eine Ankylose. Bei den Datensätzen der Rippen waren n = 43 von 239 (18%) krankhaft verändert, wobei die Mehrheit in Form von Rippenfellreaktionen vorlag. An den Knochen der oberen Extremität konnten ausschließlich degenerative Veränderungen im Sinne einer Arthrose und keine arthritischen Spuren gefunden werden. Der maximale Ausprägungsgrad war Grad IV. Humeri, Radii und Ulnae zeigten zudem Spuren von My- otendopathien. An den unteren Extremitäten waren Arthrose maximal vom Grad V und Arthritis maximal vom Grad IV zu finden. Ebenfalls häufig zeigten sich an Femora, Tibiae und Fibulae My- otendopathien und periostale Reaktionen. Die Zusammenschau der Ergebnisse zeigt anhand der Schädel deutlich, dass sich in der Po- pulation von Völlinghausen gehäuft entzündliche Erkrankungen an den Strukturen der Cra- nien manifestiert haben. Dabei finden sich in der Nase, den Nasennebenhöhlen, dem Mittel- ohr und dem Warzenfortsatz auffallend häufig Residuen chronisch entzündlicher Reizungen. Aufgrund der Architektur des Schädels und der anatomischen Nähe der Strukturen können sich entzündliche Prozesse unbehandelt rasch ausbreiten. Vor allem endocraniale Kompli- kationen müssen in präantibiotischer Zeit gefürchtet werden. So lassen sich auch die gehäuft gefundenen meningealen Reaktionen sowie die Affektionen der venösen Hirnblutleiter er- klären. Besonders hervorzuheben sind Infektionen der oberen Atemwege, die sich häufig durch Tröpfcheninfektion ausbreiten. Nach einer Besiedelung und anschließender hämato- gener Streuung und ist hier auch eine Überwindung der Blut-Hirn-Schranke oder einer Aus- breitung per continuitatem aus angrenzenden Strukturen möglich. In der vorliegenden Arbeit wurde eine deskriptive Klassifikation meningealer Reaktionen eingeführt, die sich an der Größe und Ausbreitung der Residuen einer Hirnhautreaktion ori- entiert. Eine Ätiologie kann daraus nicht abgeleitet werden, jedoch steigt mit höherem Grad die Wahrscheinlichkeit einer fulminanten Reaktion im Sinne einer bakteriellen Meningitis purulenta. Die vorgelegten Daten unterstützen die Annahme, dass die Menschen der Population aus Völlinghausen in enger Nähe zueinander gelebt haben müssen, da sich nur so epidemisches Auftreten von Infektionskrankheiten erklären lässt. Dies weist auf die Sesshaftigkeit und das Zusammenleben in größeren Gruppen hin. Zu berücksichtigen sind zudem die Reinlichkeit, die Verfügbarkeit sanitärer Einrichtungen sowie die Luftqualität, die großen Einfluss auf die Ausbreitung infektiöser Geschehen haben. Es ist anzunehmen, dass die oberen Atemwege chronischer Reizung ausgesetzt waren. Denkbar sind offene Feuer in den Unterkünften, wodurch es zu einer vermehrten Staub- und Feuerqualmbelastung gekommen sein muss, die eine chronische Schleimhautreizung bedingte. Die Spuren von Rippenfellreaktionen unterstützen die Annahme, dass die Atemwege chro- nischer Reizung ausgesetzt waren. Denkbar ist ein Zusammenhang mit schlechter Luftqua- lität durch offene Feuer und insuffizientem Rauchabzug. Unter nasskalten Bedingungen des Herbstes und Winters könnten pulmonale Geschehen durch feuchte, unregelmäßig gewech- selte Kleidung und mangelnder Beheizung der Räume, aber auch mangelhafte Hygienezu- stände in Folge engen Zusammenlebens und daraus resultierenden Ausbreitungsmöglichkei- ten durch Tröpfcheninfektionen begünstigt worden sein. Diese Annahmen decken sich mit den Ergebnissen der Untersuchungen der neolithischen Populationen aus Calden, Rheine und Großenrode. Auch hier weisen die Funde auf ein er- höhtes Auftreten von Infektionskrankheiten und eine erhöhte Keimbelastung hin, die mög- licherweise ebenfalls auf die hygienischen Bedingungen von nah miteinander lebenden Menschen und Tieren zurückzuführen sind. Rhinogene Erkrankungen neigen zu einer Affektion des Mittelohres und seiner angrenzen- den Hohlräume. Aus Mittelohrentzündungen entstehen häufig Paukenergüsse, woraus bei mangelndem Abfluss Schallleitungsstörungen resultieren. Dies kann vor allem bei Kindern unter anderem die Sprachentwicklung und die kognitive Entwicklung beeinträchtigen. Ne- ben Verständigungsschwierigkeiten ist eine erhöhte Vulnerabilität der Individuen gegeben, da sie Warnungen oder Geräusche nahender Gefahren nicht wahrnehmen können. Des Weiteren zeigt die vorliegende Arbeit anhand der Untersuchung der Cribra orbitalia, dass aus dem makroskopischen Erscheinungsbild nur selten eine Eingrenzung in Bezug auf die Genese zu treffen ist, vor allem, wenn der Erhaltungszustand des Fundgutes stark einge- schränkt ist. Die zeit- und kostenintensive Anfertigung und Begutachtung von Knochen- dünnschliffen ist hier äußerst wertvoll. Die Daten hinsichtlich der Zähne lassen auf die Ernährung und Wirtschaftsform schließen. Betrachtet man die Häufigkeit von Parodontopathien und Karies, so lässt sich daraus folgern, dass die Population aus Völlinghausen in den gesellschaftlichen Wandel von Jägern und Sammlern hin zu Ackerbauern befand. So kommt es zu einer Verschiebung von überwiegend proteinreicher Nahrung der Jäger und Sammler hin zu kohlenhydratreicher Nahrung der Ackerbauern. Es ist anzunehmen, dass sowohl tierische als auch pflanzliche Nahrungsquel- len genutzt wurden. Diese müssen in ausreichender Menge vorgelegen haben, da sich keine Hinweise auf ausgeprägte Mangelzustände finden ließen. Die Abrasionsmuster der Zähne stützen die Annahme, dass ein relevanter Anteil der Ernährung aus dem Ackerbau gewonnen wurde. Auch die Untersuchungen der Grabanlagen aus Schmerlecke I und II zeigen, dass sich der gesellschaftliche Wandel und die Änderung der Hauptnahrungsquellen von der Jagd hin zum Ackerbau in dieser Zeit vollzog. Eine protein- und kohlenhydratreiche Nahrung ist vor dem Hintergrund der Untersuchungsergebnisse denkbar, ohne das Auftreten von lang- anhaltenden Mangelzuständen. Anhand der postcranialen Skelete und deren Abnutzungserscheinungen sowie der Muskel- Sehnen-Einheiten zeigt sich eine erhöhte Beanspruchung der Wirbelsäule und der unteren Extremitäten. Dies legt den Verdacht nahe, dass die Menschen der neolithischen Population aus Völlinghausen schwere Lasten tragen und körperliche Arbeit verrichten und sogar weite Strecken zu Fuß zurücklegen mussten.
Fields of Study & Subjects
Paleopathology and ancient diseases
Forensic Anthropology and Bioarchaeology Studies
Pleistocene-Era Hominins and Archaeology
Publication details
- Publication date
- 1 January 2026
- Language
- DE
- Document type
- Thesis