Visuelle Wahrnehmung, soziale Bewertung und kieferorthopädischer Behandlungserfolg bei Erwachsenen mit Zahnfehlstellungen – eine Eye-Tracking-Studie
Abstract
Die vorliegende Studie untersuchte einerseits die Auswirkungen ausgeprägter Zahnfehlstellungen auf die visuelle Wahrnehmung und soziale Bewertung von Gesichtern und andererseits den Einfluss von Alter, parodontaler Erkrankung und vorheriger kieferorthopädischer Behandlung auf orthodontische Befunde und den Therapieverlauf bei Erwachsenen. Im ersten Teil der Studie wurde die visuelle Wahrnehmung und Bewertung von Fotos von 15 Patienten (11 weiblich, 4 männlich) mit ausgeprägten Zahnfehlstellungen (DAI ≥ 31, Little ≥ 4) und 15 Patienten (12 weiblich, 3 männlich) ohne Zahnfehlstellungen mittels Eye-Tracking und Fragebögen untersucht. Die Fotos wurden hierbei in drei Gruppen eingeteilt: Patienten mit Zahnfehlstellung vor der Therapie (FT0), Patienten zum Zeitpunkt erfolgreicher Korrektur der Zahnfehlstellung (FT1) sowie Kontrollgruppe ohne Zahnfehlstellung (K). Hierbei lag das Durchschnittsalter der FT0- bzw. FT1-Gruppe bei 47,73 Jahren (Min = 30, Max = 59) und der Kontrollgruppe bei 42,93 Jahren (Min = 31, Max = 54). Patienten mit Zahnfehlstellungen wurden signifikant niedriger in Zahnanordnung, Zahnzustand, Lächeln und wahrgenommener Freundlichkeit bewertet. Nach erfolgreicher kieferorthopädischer Korrektur der Zahnfehlstellung verbesserten sich die Bewertungen, erreichten jedoch nicht die Punktwerte der Kontrollgruppe, was auf Residualeffekte, habituelle Ausdrucksmuster oder subtile Veränderungen im Weichgewebeprofil hinweisen kann. Die Ergebnisse des Eye-Trackings bestätigten u. a. eine signifikante Aufmerksamkeitsverschiebung hin zur Mundregion bei Patienten mit Zahnfehlstellungen, wodurch die Fixation auf andere Gesichtszüge, insbesondere die Augen, reduziert wurde. Im zweiten Teil der Studie wurden die prä- und posttherapeutischen kieferorthopädischen Modelle sowie Patientenakten 86 erwachsener Patienten (62 weiblich, 24 männlich) analysiert, wobei das mittlere Alter der Patienten 34,86 Jahre (Min = 18, Max = 80) betrug. Hierbei wurde das Patientenkollektiv in sechs Gruppen basierend auf Alter (< 30 Jahre vs. ≥ 30 Jahre), parodontaler Erkrankung (PA vs. Non-PA) und vorheriger, abgeschlossener kieferorthopädischer Behandlung in der Vergangenheit (KFO vs. Non-KFO) eingeteilt. Die kieferorthopädischen Indizes verbesserten sich in allen Gruppen deutlich. Weder Alter, Parodontitis noch vorherige kieferorthopädische Behandlung beeinflussten Behandlungserfolg, Behandlungsdauer oder Terminanzahl signifikant, wenngleich sich deskriptiv Unterschiede in der Wahl der Apparatur, dem Behandlungsfokus und den Komplikationen zeigten. Ältere und parodontal erkrankte Patienten wiesen prä- sowie posttherapeutisch unphysiologischere Werte auf, konnten jedoch ebenso erfolgreich behandelt werden wie jüngere und parodontal gesunde Patienten. Die Ergebnisse zeigen, dass kieferorthopädische Behandlungen bei Erwachsenen sowohl funktionelle als auch ästhetische Verbesserungen erzielen und gleichzeitig die soziale Wahrnehmung beeinflussen. Die Ergebnisse des Eye-Trackings verdeutlichen zudem, dass Zahnfehlstellungen die visuelle Aufmerksamkeit gezielt auf die Mundregion lenken. Für die Praxis bedeutet dies, dass die Indikationsstellung für eine kieferorthopädische Therapie bei Erwachsenen nicht durch Alter oder parodontalen Status eingeschränkt werden sollte.
Fields of Study & Subjects
Orthodontics and Dentofacial Orthopedics
Body Image and Dysmorphia Studies
Dental Trauma and Treatments
Publication details
- Publication date
- 1 January 2026
- Language
- DE
- Document type
- Thesis