Klinisch-experimentelle Untersuchungen zur stereotaktischen Radiotherapie des nichtkleinzelligen Lungenkarzinoms mit Fokus auf den Einfluss der COVID-19-Pandemie, Outcomes bei zentralen vs. peripheren Tumoren und die atemabhängige Beweglichkeit der Risikoorgane
Abstract
Die COVID-19-Pandemie brachte eine Debatte über den Umgang mit reduzierten medizinischen Ressourcen und über den Aufschub medizinischer Eingriffe beim Nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom mit sich. Anhand einer retrospektiven Datenbank wurden Charakteristika der prätherapeutischen Diagnostik vor vs. während der Pandemie untersucht. Weiterhin wurde ihr Einfluss auf prognostische Endpunkte analysiert. Wir konnten 96 Patient:innen mit Bronchialkarzinomen in die Studie einschließen, die im Zeitraum von 2012 bis 2021 in der Klinik für Strahlentherapie der Universitätsmedizin Göttingen stereotaktisch radiotherapiert wurden. Es zeigte sich, dass die mittlere Anzahl der stereotaktisch radiotherapierten Patient:innen in den Pandemiemonaten im Vergleich zum Zeitraum vor der Pandemie von 0,9 auf 1,45 pro Monat zugenommen hat. In der Pandemie war die Lungenstereotaxie bei vergleichbaren lokalen Kontrollraten möglicherweise aufgrund der kurzen Therapiedauer, der ambulanten Durchführbarkeit und eines geringen Toxizitätsprofil vorteilhaft gegenüber einer operativen Therapie. Sie könnte daher bevorzugt durchgeführt worden sein, um intensivmedizinische Kapazitäten zu wahren und das Infektionsrisiko der Patient:innen zu reduzieren. Während der Pandemie kam es im Vergleich zu vorher zu einer Verzögerung von ein bis zwei Wochen zwischen diagnostischen Maßnahmen, wie der Bronchoskopie (1,4 Wochen), der Planungs-Computertomographie (1,3 Wochen) oder dem Tumorboardbeschluss (2,4 Wochen) und dem Bestrahlungsbeginn. Dies ließe sich einerseits durch ein reduziertes Leistungs- und Therapieangebot für eine geringere Auslastung des Gesundheitssystems oder zum Zwecke des Infektionsschutzes und andererseits durch personelle Engpässe erklären. Bei 83 Patient:innen mit Positronen-Emissions-Tomographie im Rahmen der prätherapeutischen Diagnostik wurde im Vergleich zu den 13 Patient:innen ohne ein besseres Gesamtüberleben und bessere Tumorkontrollraten registriert. Die Untersuchung zeichnet sich durch eine hohe Genauigkeit beim Ausschluss von lymphogenen und distanten Metastasen aus. Die vorliegenden Ergebnisse unterstreichen die Indikation zur Durchführung einer Positronen-Emissions-Tomographie vor Beginn der Bestrahlung, wie sie in Leitlinien zur Lungenstereotaxie gefordert wird. Ein zeitlicher Abstand von mehr als 10 Wochen zwischen der Positronen-Emissions-Tomographie oder dem konventionellen Staging und der Bestrahlung war in unserer Studie mit einer schlechteren lokoregionären Kontrolle verbunden. In Zeiten der Pandemie sollte daher die Verschiebung diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen auch in den frühen Stadien des Bronchialkarzinoms im Einzelfall diskutiert und das Risiko eines Progresses anhand klinischer und tumorspezifischer Faktoren abgewogen werden. Durch Anwendung moderater Dosisregime kann die stereotaktische Radiotherapie auch bei zentral gelegenen Bronchialkarzinomen angewendet werden. Es zeigte sich jedoch in vorherigen Studien eine erhebliche Gefährdung der betroffenen Patient:innen. Zunächst analysierten wir retrospektiv klinische und dosimetrische Merkmale bei 78 Patient:innen mit zentralen oder peripheren Tumoren. Die zentralen Tumore waren im Mittel größer, wurden insgesamt mit niedrigeren biologisch effektiven Dosen bestrahlt und ihre Bestrahlungen führten zu höheren Lungendosiswerten. Eine zentrale Tumorlage stellte zudem einen Prädiktor für eine schlechtere lokoregionäre Kontrolle dar. Dies lässt sich auf die niedrigere biologisch effektive Dosis zurückführen, die bei zentraler Lage öfter angewandt wird. Eine Bestätigung findet sich in der aktuellen Datenlage, die im Vergleich zu niedrigeren Dosiswerten bei biologisch effektiven Dosen > 100 Gy bessere lokale Kontrollraten konstatiert. Wir wendeten das internal organs at risk volume-Konzept retrospektiv und ohne Planungsoptimierung bei 35 Patient:innen mit zentral gelegenen Tumoren an. Es gab Hinweise für eine stärkere atemabhängige Beweglichkeit des Bronchialbaums bei Männern und bei großen Patient:innen. Bei Patient:innen mit einem Body-Mass-Index > 25 kg/m2 war die Volumenänderung des Ösophagus hingegen schwächer ausgeprägt. Unter Berücksichtigung des internal organs at risk volumes erhöhte sich bei drei Patient:innen die normal tissue complication probability für den proximalen Bronchialbaum um ≥ 10 %. Diese Studie weist auf die Notwendigkeit hin, die Dosisplanung bei zentraler Tumorlage zu optimieren, um eine adäquate Balance zwischen Tumorkontrolle und Nebenwirkungen zu erreichen. Das internal organs at risk volume-Konzept könnte ein wichtiges Instrument darstellen, um gefährdete Patient:innen bei der stereotaktischen Bestrahlung zentraler Zielvolumen zu identifizieren.
Fields of Study & Subjects
Lung Cancer Diagnosis and Treatment
COVID-19 and healthcare impacts
Advanced Radiotherapy Techniques
Publication details
- Publication date
- 1 January 2026
- Language
- DE
- Document type
- Thesis