Über die Bedeutung der Diagnose für spätdiagnostizierte FLINTA* Perso-nen im Autismus-Spektrum
Abstract
Die Diagnose Autismus-Spektrum stellt für viele Betroffene im Erwachsenenalter einen biografisch bedeutsamen Einschnitt dar und kann zugleich als Krise und Chance aufgefasst werden. Insbesondere bei weiblich sozialisierten bzw. FLINTA* Personen erfolgt die Diagnosestellung häufig spät, was mit langjährigen Erfahrungen von Anpassungsdruck, Masking und dem Gefühl des >Andersseins< einhergehen kann. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Bedeutung einer späten Autismus-Diagnose für FLINTA* Personen im Autismus-Spektrum zu beleuchten, mit besonderem Blick auf identitäre Prozesse, Gender und Masking. Die Arbeit verbindet eine theoretische Auseinandersetzung mit einer qualitativen empirischen Forschung. Grundlage bilden sechs leitfadengestützte, halbstrukturierte Interviews mit spätdiagnostizierten, weiblich sozialisierten Personen im Autismus-Spektrum, die in Anlehnung an eine inhaltlich strukturierende Inhaltsanalyse ausgewertet wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Autismus-Diagnose – ebenso wie bereits vorgelagerte Selbstidentifikationsprozesse – für die Befragten eine zentrale Bedeutung für die Identitätsentwicklung und die Neuaushandlung des Person-Umwelt-Passungsgefüges hat. Dennoch kommt der formalen Diagnose hier eine wichtige Rolle in Form von Validation und Wissen zu und kann entlastend wirken, (internalisierte) Selbstzweifel reduzieren und Prozesse von Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge weiter anstoßen und somit einem Empowerment dienen. Gleichzeitig erweist sich Masking als ein zentraler, häufig unbewusster Anpassungsmechanismus. Für die Befragten geht dabei die Aufgabe des Unmaskings hervor, welche als ein andauernder und herausfordernder Prozess beschrieben wird und eng mit Fragen nach Authentizität und dem eigenen Selbstverständnis verbunden ist. Darüber hinaus werden auch zentrale Belastungen sichtbar, die nicht auf individueller Ebene verortet sind, sondern maßgeblich auf strukturellen und gesellschaftlichen Bedingungen beruhen. Die Arbeit leistet einen Beitrag zum besseren Verständnis der subjektiven Perspektiven, Erfahrungen und Bedeutungszuschreibungen von FLINTA* Personen im Autismus-Spektrum und unterstreicht die Notwendigkeit von Sensibilisierung, differenzierten Unterstützungsangeboten sowie einer neurodiversitätsorientierten Perspektive.
Fields of Study & Subjects
Autism Spectrum Disorder Research
Identity
Memory
and Therapy
Psychology and Mental Health
Publication details
- Publication date
- 1 January 2026
- Language
- DE
- Document type
- Thesis