Der Fall Gaza in der sozialwissenschaftlichen Beobachtung: Epistemische und reflexive Defizite in der Analyse von Gewalt
Abstract
Wie lässt sich die Gewalteskalation in Israel/Palästina seit 2023 begreifen? Eine Frage aus dem Standardrepertoire wissenschaftlicher Untersuchungen der Internationalen Beziehungen sowie der Friedens- und Konfliktforschung ist zu einem Gegenstand geworden, für den die Politik Deutungshoheit beansprucht, der in der Öffentlichkeit Skandalisierungspotenzial entfaltet und der in der akademischen Community zu lautem Schweigen führt. Dabei verfügen die einschlägigen Disziplinen über ein ausdifferenziertes Instrumentarium zur Untersuchung solcher Konflikte und Gewaltepisoden, auf das sie auch hier zurückgreifen und den Fall Gaza somit als Teil größerer Entwicklungen im internationalen Konfliktgeschehen diskutieren könnten. Gleichzeitig lassen sich am Fall Gaza aber auch die Grenzen der für das Feld zentralen Analysen anhand von Datensätzen aufzeigen. Dieser Artikel tut beides: Er nimmt eine Einordnung des Israel-Palästina-Konfliktes in Standardkategorien und -messungen von Krieg und Gewalt vor und diskutiert, wo diese aus einer tiefen Fallkenntnis heraus zu kurz greifen – und mehr noch: wo diese die Situation, wie sie sich aus Sicht der beteiligten Akteure darstellt, verkennen. Der Artikel zeigt, dass insbesondere weitreichende wie intensive Formen staatlicher Gewalt gegen die Zivilbevölkerung vom Standardinstrumentarium unzureichend erfasst werden. Dieses epistemische Defizit trägt selbst zur plausible deniability von Staaten bei, die die geächteten Gewaltformen anwenden.
Fields of Study & Subjects
Peace and Human Rights Education
Sociology and Norbert Elias
German legal
social
and political studies
Publication details
- Journal / source
- Zeitschrift für Internationale Beziehungen
- Publisher
- Nomos Verlag
- Volume
- 33
- Issue
- 1
- Pages
- 33–67
- Publication date
- 1 January 2026