Gewalt an Minderjährigen - eine retrospektive Auswertung der Jahre 2003 - 2019
Abstract
Hintergrund: Gewalt gegen Minderjährige stellt ein zentrales medizinisches, rechtliches und gesellschaftliches Problem dar. Insbesondere sexuelle Gewalt ist durch ein erhebliches Dunkelfeld gekennzeichnet. Die Rechtsmedizin nimmt eine wichtige Schnittstellenfunktion zwischen Strafverfolgung, Medizin und Kinder- und Jugendhilfe ein. Ziel: Ziel dieser Arbeit war es, das Hellfeld von Gewalt an Minderjährigen im Zuständigkeitsbereich des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Freiburg zu analysieren und mit Daten aus der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) sowie der Kinder- und Jugendhilfestatistik zu vergleichen. Ein besonderer Fokus lag auf sexueller Gewalt. Methoden: Retrospektiv wurden alle klinischen Lebenduntersuchungen (KLU) minderjähriger Personen im Zeitraum 2003–2019 ausgewertet (n = 615). Erhoben wurden u. a. Alter, Geschlecht, Zuweisungsweg, Anlass der Untersuchung, Befunde sowie Angaben zu Beschuldigten. Ergänzend erfolgte ein Abgleich mit regionalen PKS-Daten (2014–2019) und der Statistik zur Kinder- und Jugendhilfe (§ 8a SGB VIII). Ergebnisse: Der häufigste Anlass für eine KLU war körperliche Misshandlung (n = 341), gefolgt von sexuellem Missbrauch (n = 224). Mädchen waren insgesamt häufiger betroffen, insbesondere im Bereich sexueller Gewalt (79 %). In den meisten Fällen sexueller Gewalt zeigten sich keine spezifischen klinischen Befunde. Jungen als Opfer sexueller Gewalt waren im Vergleich zu epidemiologischen Erwartungswerten deutlich unterrepräsentiert. Der Abgleich mit PKS- und Jugendhilfedaten zeigt, dass nur ein sehr geringer Anteil der zu erwartenden Fälle tatsächlich in der Rechtsmedizin vorstellig wird. Schlussfolgerung: Die Ergebnisse weisen auf ein erhebliches Missverhältnis zwischen dem angenommenen Dunkelfeld und dem medizinisch erfassten Hellfeld von Gewalt an Minderjährigen hin. Insbesondere bei sexueller Gewalt bestehen relevante Versorgungslücken. Die Rechtsmedizin könnte durch strukturierte Anamnese, stärkere Vernetzung und niedrigschwellige Zugangsangebote eine zentrale Rolle in der frühzeitigen Identifikation und im Schutz betroffener Minderjähriger einnehmen.
Fields of Study & Subjects
Child Abuse and Trauma
Child Abuse and Related Trauma
Homicide
Infanticide
and Child Abuse
Publication details
- Journal / source
- FreiDok plus (Universitätsbibliothek Freiburg)
- Publication date
- 12 February 2026
- Language
- DE
- Document type
- Thesis