„Mir ist, als würde mir heute noch ein Stück aus meiner Seele gerissen werden.“ Die namentliche Erfassung der aus den Wiener Gemeindewohnungen delogierten Jüdinnen und Juden
Abstract
Wolfgang Schellenbacher "Mir ist, als würde mir heute noch ein Stück aus meiner Seele gerissen werden."Die namentliche Erfassung der aus den Wiener Gemeindewohnungen delogierten Jüdinnen und Juden Im Juni 1938 veranlasste das Wiener Wohnungsamt die Kündigung von mehr als 2.000 Mietverhältnissen mit Jüdinnen und Juden aus Wiener Gemeindewohnungen mit 31.Juli 1938.Die Gekündigten verloren damit innerhalb kürzester Zeit ihre Wohnungen.Nur wenige dieser Menschen, die meist der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht angehörten, waren in der Lage, eine neue Wohnung anzumieten.Die meisten wurden in kleinere, oftmals bereits überfüllte Wohnungen, einige in Bara ckensiedlungen umgesiedelt.Die Kündigungen waren der Startpunkt einer Reihe von antisemitischen Verordnungen und Gesetzen, die zur "Ghettoisierung" der jüdischen Bevölkerung Wiens in "Judenhäusern" und "Sammelwohnungen" führten: Im November 1938 wurden jüdische Hauptmieter*innen verpflichtet, gekündigte Jüdinnen und Juden als Untermieter*innen aufzunehmen.1 Im Frühjahr 1939 legte das Wohnungsamt 13.600 "arischen" Hausbesitzer*innen nahe, die Mietverträge mit Jüdinnen und Juden zu kündigen, was zu einer weiteren Delogierungswelle führte.Am 10.Mai 1939 trat die "Verordnung zur Einführung des Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden in der Ostmark"2 in Kraft, die eine fristlose Kündigung von jüdischen Mieter*innen nun endgültig legalisierte.3Diese gesetzlichen Maßnahmen beschleunigten die Zwangsumsiedlungen in bereits von Jüdinnen und Juden bewohnten Häusern und Wohnungen rapide: Im Mai 1939 wurden bei einer Zählung von "Judenwohnungen" noch 28.844 jüdische Mieter*innen registriert.Vier Monate später hatte sich diese Zahl auf 12.000 bis 14.000 reduziert.4 1 Michaela Raggam-Blesch, "Sammelwohnungen" für Jüdinnen und Juden als Zwischenstation vor der Deportation, Wien 1938-1942, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Forschungen zu Vertreibung und Holocaust.
Fields of Study & Subjects
European history and politics
German legal
social
and political studies
Central European national history
Publication details
- Journal / source
- Böhlau Verlag eBooks
- Pages
- 185–194
- Publication date
- 18 January 2026
- Language
- DE
- Document type
- Book chapter