Rassistische Ausschreitungen gegen algerische Arbeitsmigranten im August 1975 in Erfurt

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Authors: Jan Daniel Schubert
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Abstract

Die vorliegende Masterarbeit behandelt die rassistischen Ausschreitungen vom 10. bis zum 13. August 1975 in Erfurt. Diese Übergriffe richteten sich gegen neu in der Stadt eingetroffene algerische Arbeitsmigranten (heute oft als Vertragsarbeiter bezeichnet) und gelten als die ersten rassistisch motivierten Ausschreitungen in Deutschland nach 1945. Dennoch sind sie inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten. Im Vergleich zu früheren historischen Arbeiten werden in dieser Masterarbeit auch Perspektiven damals betroffener Algerier einbezogen. Auf Grundlage einer umfassenden Archivrecherche und Interviews mit drei ehemaligen Erfurter Arbeitsmigranten sowie weiteren Personen werden die rassistischen Ausschreitungen und die historischen Umstände rekonstruiert. Der empirische Hauptteil der Arbeit gliedert sich in zwei Kapitel. Das Erste beschreibt die algerische Arbeitsmigration in die DDR im Allgemeinen. Es legt zunächst die Verhandlungen über das Regierungsabkommen zwischen der DDR und Algerien sowie dessen internationale Bedeutung dar und bespricht ausführlich die Krise im Winter 1975/1976, während der die weitere Entsendung algerischer Arbeiter in die DDR vorübergehend ausgesetzt wurde. Welche Rolle die rassistischen Ausschreitungen in Erfurt für diese Krise spielten, bleibt offen, da keine Quellen zur Verfügung standen, die Einblick in die diplomatische Strategie Algeriens geben. Darüber hinaus beleuchtet dieses Kapitel die Wohnbedingungen, die Betreuung und Versorgung der Arbeitsmigranten, ihr gesellschaftliches Leben und ihre Beziehungen, ihre Arbeit und Ausbildung, ihre Streiks und ihren Protest, Abschiebungen sowie Schlägereien und rassistische Anfeindungen. Zusammenfassend wird ein Kontext institutioneller Ungleichbehandlung sichtbar: Segregation, Paternalismus und Überwachung im Wohnbereich, Ausbeutung und Vernachlässigung der Ausbildung, ein harsches Abschieberegime sowie eine überproportionale Kriminalisierung durch DDR-Behörden prägten das Leben algerischer Arbeitsmigranten in der DDR. Das zweite empirische Kapitel legt den Fokus auf die rassistischen Ausschreitungen im August 1975. Es rekonstruiert den chronologischen Ablauf beginnend mit der Verbreitung rassistischer Gerüchte in Erfurt. Er setzt sich fort mit einer rassistischen Hetzjagd am 10. August, mit verschiedenen Angriffsversuchen auf das Wohnheim der Algerier und mit einer Demonstration am 12. August, auf der die Herausgabe von Algeriern an die wütende Menschenmasse gefordert wurde. Es schließt mit den staatlichen Bemühungen ab, die Ausschreitungen durch ideologische Beeinflussung sowie durch repressive Maßnahmen einzudämmen. Insgesamt werden zahlreiche Aspekte beleuchtet, die in bisherigen Darstellungen fehlen, z.B. der gewaltvolle Einsatz von Polizeihunden gegen die angegriffenen Algerier, der Widerstand algerischer Arbeitsmigranten oder die Strategie der SED, die Ausschreitungen einerseits repressiv zu unterdrücken und andererseits jegliche Verantwortung zu externalisieren. Diese Masterarbeit legte den Grundstein für ein anschließendes Projekt an der Oral-History-Forschungsstelle der Universität Erfurt sowie für die Promotion von Jan Daniel Schubert am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.

Fields of Study & Subjects

Communism Protests Social Movements German Colonialism and Identity Studies European history and politics

Publication details

Journal / source
Common Library Network (Der Gemeinsame Bibliotheksverbund)
Publication date
5 January 2026
Language
DE
Document type
Thesis