Metatragödie und Politik : zur Handlung und Topographie in Friedrich Schillers "Maria Stuart"

Authors: Max Roehl
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Abstract

Politik und Tragödie scheinen insofern miteinander verwandt zu sein, als beide mit der Spannung von Freiheit und Notwendigkeit befasst sind und mit der Frage, was der Mensch zu tun in der Lage ist angesichts der vielgestaltigen Beschränkungen, denen er sich (noch als der mächtigste Herrscher) unterworfen sieht. Doch während sich in der Tragödie, je nach Konzeption, die Freiheit des Helden nur im Untergang oder aber als eins mit der Notwendigkeit erweist, ist in der Politik ein solches Schicksal nicht unumgänglich. Das politische Denken der Neuzeit basiert gerade auf dem Gegensatz des "politisch Invariablen" und der "politischen Variablen" sowie der zunehmenden Autonomisierung menschlichen Handelns, das "die Welt nach den eigenen Zielen und Zwecken zu gestalten beansprucht". Die Zwangsläufigkeit eines tragischen Opfers ist mit der Politik als "starkes langsames Bohren von harten Brettern" unvereinbar. Ein Drama, das das Verhältnis von Tragödie und Politik an der Epochenschwelle 1800 (Uraufführung in Weimar) auslotet, ist Friedrich Schillers Trauerspiel "Maria Stuart", das mit seinem historischen Stoff nicht umsonst die Entstehungszeit des neuzeitlichen politischen Denkens thematisiert. Das Königinnendrama nimmt Tragödie und Politik, so der argumentative Ausgangspunkt, in ihrem Spannungsverhältnis in den Blick. Als überaus selbstreflexives Stück ist es als ein ›Metadrama‹ bestimmt worden, das die "Mechanismen politischer Theatralität und ihre Nutzung für historische Deutungslinien" reflektiert. In Ergänzung dazu möchte ich das Trauerspiel als eine 'Metatragödie' beschreiben, insofern es die Struktur des Tragischen zwar umsetzt, doch zugleich an die Textoberfläche kehrt und dadurch relativiert. Dies wird nicht an Schillers eigenen Kategorien des Tragischen aufgezeigt (am Pathetischen und Erhabenen), um seine Dramen nicht "nur mit der Elle seiner eigenen Theorie zu messen", sondern anhand eines Begriffs tragischer Unabwendbarkeit, dessen strukturelles Pendant die Notwendigkeit der Handlung ist, wie Aristoteles sie bestimmt hat: Der Umschlag der Handlung müsse "aus der Zusammenfügung des Handlungsverlaufs selbst heraus geschehen, so dass aus dem zuvor Geschehenen notwendig oder wahrscheinlich folgt, dass genau dies geschieht". Nicht durch das (zufällige) Hinzutreten eines Dritten, sondern mit Notwendigkeit oder nach der Wahrscheinlichkeit soll sich der Glückswechsel des Helden vollziehen.

Fields of Study & Subjects

German Literature and Culture Studies European Political History Analysis Critical Theory and Political Philosophy

Publication details

Journal / source
Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
Publication date
12 January 2026
Language
DE