Noch woke? : Philologie der Wissenschaftsfreiheit
Abstract
Ausgehend von den hier eingangs geschilderten Erfahrungen möchte ich im Folgenden meine Geschichte einordnen. Diese Einordnung erfolgt in drei Schritten. In (I.) werde ich mich vor allem mit dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit und dessen Genese beschäftigen. Dabei wird es mir besonders um die Referenzschrift des Netzwerks, nämlich John Stuart Mills "On Liberty" von 1859 zu tun sein. In der Auseinandersetzung mit diesem zentralen Text der Wissenschaftsfreiheitsbewegung wird, so hoffe ich, deutlich, dass Wissenschafts- und Meinungsfreiheit in der Diskussion häufig begrifflich vermengt werden. Es geht um das Verständnis von Wissenschaftsfreiheit als Schutzrecht vor staatlichen und politischen Eingriffen oder als Grundrecht, das demjenigen zukommt, der kontrolliert und überprüfbar nach wissenschaftlicher Wahrheit innerhalb einer Institution strebt. Es kommt zu einer Konfusion von Wissenschafts- und Meinungsfreiheit, die aber unbedingt auseinandergehalten werden müssen. Daran anschließend (II.) versuche ich, in der Auseinandersetzung mit dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit die wahren Streitpunkte in der aktuellen Diskussion um die Wissenschaftsfreiheit zu identifizieren. Meine Kritik betrifft ja nicht die Existenz des Netzwerks als solches, sondern sie zielt wesentlich auf die meines Erachtens schiefe Agenda, die es sich gegeben hat. Die Konfusion von Wissenschafts- und Meinungsfreiheit erklärt möglicherweise die eigentümliche Fallpoetik, die für den Auftritt des Netzwerks in der Öffentlichkeit entscheidend ist. Gleichzeitig wird die Universität als metapolitischer Ort eingeführt, an dem sich die Kämpfe der Gegenwart wie unter einem Brennglas beobachten lassen. Will man den Streit um die Wissenschaftsfreiheit politisch effektiv führen, müsste man den Gegner viel klarer benennen als es bisher geschehen ist. Die wahre Bedrohung von Wissenschaftsfreiheit liegt in der neoliberalen Reformagenda verborgen, der sich die Wissenschaftspolitik, Rektorate und zunehmend auch Wissenschaftler unterwerfen müssen. Im abschließenden Teil (III.) möchte ich dafür plädieren, dass es bei der Klärung der wissenschaftspolitischen Kämpfe möglicherweise hilft, sich auf Odysseus als fiktionale Figur und eher auf Aristoteles als auf John Stuart Mill zu besinnen. Denn letztlich geht es in diesen Kämpfen oder Auseinandersetzungen um akademische Tugenden. Odysseus verkörpert solche wie etwa Mut und List, die ihm in seinem Kampf mit den Göttern, Titanen und vielen Philosophen Ärger eingebracht haben. Mut und List sind, so lautet mein Vorschlag, die Tugenden des Widerstands in einer Welt der gefährdeten Wissenschaftsfreiheit.
Fields of Study & Subjects
Academic Freedom and Politics
Law
Rights
and Freedoms
Freedom of Expression and Defamation
Publication details
- Journal / source
- Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
- Publication date
- 12 January 2026
- Language
- DE