Das Ende der Nachkriegszeit : Aleksandr Prochanov und die spätsowjetischen Konzeptionen einer globalen Weltliteratur

Authors: Matthias Schwartz
Cited by: 0

Abstract

Weltliteratur war schon immer ein anspruchsvoller Begriff. Angefangen mit Johann Wolfgang von Goethes Bemerkung aus dem Jahr 1827, dass es an der Zeit sei, den "pedantischen Dünkel" nationaler Kreise zu verlassen und in "die Epoche der Welt-Literatur" einzutreten, wurde die Rede von Weltliteratur mit dem Versprechen verbunden, das Beste und Schönste der literarischen Produktion in den Dienst einer weltoffenen und allgemeingültigen Kunst zu stellen. Diese universalistischen und wertenden Ansprüche sind zuletzt von der postkolonialen Kritik massiv angegriffen worden, welche die imperialen und moralischen Implikationen des Konzepts grundsätzlich hinterfragt. Zugleich provozierte die Kritik aber auch Versuche, den Begriff für die Gegenwart neu aufzustellen, wobei die kanonischen, meist europäischen Autoren und Werke häufig weiterhin als Gewährsnamen fungieren, auch wenn diese nun anders gelesen werden. [...] Auch die sowjetischen Machthaber hielten lange an diesem Anspruch fest, der nun historisch-dialektisch begründet wurde. Man verstand sich als natürlicher Nachfolger des progressiven bürgerlichen Erbes der Menschheit, deren Weltliteratur durch sozialistische geistige Produkte zu ihrer im marxistischen Verständnis gesetzmäßigen Vollendung finden sollte. So sah es Lev Trockij in seiner Schrift Literatur und Revolution (1923) lediglich als eine Frage der Zeit an, bis auch die Arbeiter sich "bis zum Niveau eines Aristoteles, Goethe, Marx", ja eines Shakespeare erheben würden. [...] Erst in der Nachkriegszeit wurde dieser exklusive Anspruch, die höchste und beste Literatur der Welt müsse gewissermaßen zwangsläufig im Land des sich entwickelnden Sozialismus entstehen, allmählich und stillschweigend von staatlicher Seite aufgegeben. Stattdessen kehrte man zurück zur Vorstellung der besten Literaturen der Welt, die vom 'Alten Orient' bis in die Gegenwart reichten, wo die sowjetische Literatur lediglich einen gleichberechtigten Teil der Literatur des 20. Jahrhunderts ausmachte. Konzeptionell fand dieser Ansatz in der 200-bändigen Buchserie Bibliothek der Weltliteratur ihren Niederschlag, die von 1967 bis 1977 im Verlag Chudožestvennaja literatura erschien. Bei der sowjetischen Literatur, die in den weltliterarischen Kanon aufgenommen wurde, stammte das meiste aus der Vorkriegszeit wie die Werke von Gor‘kij, Michail Šolochov, Vladimir Majakovskij oder Konstantin Fedin, während für die Nachkriegszeit neben einigen Gedichten und Poemen lediglich Prosa über den Zweiten Weltkrieg vorhanden war.

Fields of Study & Subjects

Comparative and World Literature Russian Literature and Bakhtin Studies Literary Theory and Cultural Hermeneutics

Publication details

Journal / source
Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
Publication date
12 January 2026
Language
DE