Das stille Pathos der Kultivierung : Ambivalenzen in Adalbert Stifters "Brigitta"

Authors: Hannah Voß
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Abstract

Adalbert Stifters Roman "Brigitta" ist ein vielschichtiges Werk, das zahlreiche Untersuchungsmöglichkeiten bietet. Das Werk wurde und wird rezipiert vor dem Hintergrund von Fragen der Ökonomie, der gender studies, der Natur als literarisches Phänomen wie vielen weiteren Perspektiven. Brigitta als Liebesroman zu lesen, ist dabei sicherlich nicht die erste Assoziation. Und doch kann die Liebe zwischen Brigitta Marosheli und Stephan Murai, wie der vorliegende Aufsatz herausstellt, als treibende Kraft des gesamten Textes angesehen werden. Das Paar versucht sich in völliger Trennung, in freundschaftlicher Diskretion wie in kollegialer Gemeinschaft. [...] Die präsentierte Zusammenfassung - ein Gedankenexperiment, das zeigen soll, welche Erwartungen und Assoziationen in Bezug auf "Brigitta" geschürt werden könnten und eine Kontrastfolie zum tatsächlichen Werk liefert, steht es doch der von Stifter selbst formulierten Programmatik fast systematisch entgegen. In der Vorrede zu seiner Erzählungssammlung Bunte Steine stellt er der Faszination für überwältigende, aber singuläre Ereignisse die Beobachtung des Kleinen und Unscheinbaren als Präferenz gegenüber, da letzteres zwar unauffällig, dafür aber beständig sei und somit als Konstante die Herausarbeitung eines Zusammenhangs und dadurch wiederum Entwicklung einer Gesetzesmäßigkeit ermögliche. Die anhand der Natur aufgezeigte Notwendigkeit einer Gesetzlichkeit projiziert Stifter auf die "innere[ ]" Natur, das Seelenleben des Menschen. Wie der Ablauf der Natur also ein unscheinbarer, aber unveränderlicher Prozess sei, so durchdringe das Gesetz von Sitte und Moral den Menschen, sei dem guten und rechten Leben geradezu immanent. Die Einfassung der Lebensführung in Struktur und Disziplin und die Unauffälligkeit, fast schon Beiläufigkeit von deren Umsetzung, ergeben Stifters zentrales Motiv. Seine Figuren durchleben eben nicht das stürmische Schicksal, folgen nicht dem Drang der Leidenschaft. Sie üben sich - um mit einem wesentlichen Begriff der "Brigitta"-Rezeption zu sprechen - in Kultivierung. Analog zur Unterteilung in innere und äußere Natur, folgt konsequenterweise auch die innere und äußere Kultivierung. Wie der Mensch die wüste und wilde Natur zähmt und sie als Nutzfläche und Kulturlandschaft urbarmacht, so hat er seinen eigenen Leidenschaften und Lüsten zu begegnen. Mit dieser zum Handlungsimperativ erhobenen Kultivierung ließe sich "Brigitta" geradezu als Plädoyer für das Arbeitsethos der Aufklärung anführen, jedoch mit verschobenem Fokus: nicht das ökonomische Streben, sondern der Prozess der Erarbeitung steht im Mittelpunkt. Vor allem aber vollzieht sich an der Kultivierungsarbeit als gesamtheitlicher Verwandlung eine Art Ästhetisierung des Schaffens, gar des gesamten bürgerlichen Lebens.

Fields of Study & Subjects

German Literature and Culture Studies Central European Literary Studies Literature and Culture Studies

Publication details

Journal / source
Publication Server of Goethe University Frankfurt am Main (Goethe University Frankfurt)
Publication date
12 January 2026
Language
DE